Die Frage, ob die Flaute, die sich ja – bei uns, wie auch sonst in der Welt – vornehmlich bei den Verbrauchsgüterindustrien abzeichnet, als Anfang einer „echten Depression“ oder nur als Rückkehr zu einem normalen Geschäftsverlauf zu werten sei, wird in den letzten Wochen immer häufiger gestellt, auch immer häufiger bejaht. Aus der Bekleidungs- und Textilbranche hört man, daß mit Beginn des warmen Wetters die Kauflust der Verbraucher neu eingesetzt habe, was nun auch wohl den Einzelhandel wieder „dispositionsfreudiger“ stimmen wird. Andere Branchen haben noch mit den Folgeerscheinungen der Kältewelle vom Frühlingsanfang zu tun; sie hat den Saisonbeginn (nicht nur in der Bauwirtschaft und bei ihren Zulieferern) hinausgeschoben, und in der Zeitspanne zwischen Quartalsbeginn und Osterfeiertagen sind dann wohl auch manche an sich fälligen Neueinstellungen von Mitarbeitern hinausgeschoben worden. Zusammen mit der Tatsache, daß zum 1. April (vorwiegend freilich nur in Norddeutschland) ein Jahrgang von Schulentlassenen in Lehr- und Anlernberufenunterzubringen war, und daß gleichzeitig ein Lehrlingsjahrgang in das reguläre Arbeitsverhältnis übergetreten ist, hat diese wetterbedingte Verzögerung des Anlaufens der Saisonbetriebe dazu geführt, daß die Erwerbslosenzahl stagnierte – was nun freilich nicht als „bedenkliches Anzeichen“ zu werten ist in dem Sinne, daß die Zahl der Beschäftigten gleichfalls stationär geblieben sei. Die Beschäftigtenstatistik (sie wird leider nicht gleichzeitig mit den Erwerbslosenziffern veröffentlicht) mag die Richtigkeit unsrer Auffassung zu gegebener Zeit erhätten.

Sicher ist wohl, daß für eine depressive Schrumpfung der Umsätze keinerlei Anzeichen vorliegen, und auch keinerlei Anlässe, soweit es sich um Masseneinkommen und Kaufkraftvolumen handelt. Ebensowenig kann bei der ständigen Ausdehnung des Kreditvolumens, die während der letzten Monate entgegen der saisonüblichen Tendenz zu verzeichnen war, von deflatorischen Momenten bei uns die Rede sein. Andrerseits fehlen Anregungen von der Seite der ausländischen Rohstoffmärkte her, wo die aus der Verzögerung der USA-Rüstungen (und aus deren soliderer Finanzierung .. .) zu erklärende Flaute nun doch länger anhält, als man’s zunächst erwartet oder geglaubt hatte. Daß die niedrigeren Rohstoffpreise bei uns – Textilien, Schuhe und Lederwaren ausgenommen – noch nicht bis zu den Verbraucherpreisen „durchschlagen“, hat mancherlei Ursachen. Die Kalkulation nach den Wiederbeschaffungspreisen setzt sich im Endprodukt bei rückläufiger Markttendenz eben noch langsamer durch, als bei haussierenden Rohstoffmärkten ... dazu kommt, daß die billige Ware vielfach noch gar nicht „da“ ist, weil die Verarbeiter mit Käufen zurückhalten, um erst einmal „von Lager“ zu arbeiten, und abzuwarten, was aus den Engagements der Importeure wird, die nun abzuwickeln sind – was im allgemeinen so schonend geschieht, daß auch erhebliche buchmäßige Verluste, wie sie in einer ganzen Anzahl von Einzelfällen vorliegen, sich noch nicht als effektive Verluste auswirken. Die Sorge, daß „Kettenreaktionen“ entstehen könnten, veranlaßt die Gläubiger und die Kunden der in einige Bedrängnis geratenen Großhandelsfirmen zu behutsamem Vorgehen ... es gibt sogar bereits einige Beispiele dafür, daß selbst Konkurrenten sich, in echter Solidarität, zu Stützungsaktionen bereit fanden, um eine Deroutierung des Marktes durch notleidende Partien verhindern zu helfen. Man sieht eben keinen Vorteil darin, daß die innerdeutschen Preise bei Importwaren unter Weltmarktparität heruntergehen – und diese Überlegung ist wohl auch nicht absolut falsch.

Für die Auffassung, daß ein echter Normalisierungsprozeß im Gange ist, wäre noch anzuführen, daß manche Klagen, die noch zu Jahresende als typisch gelten konnten – über Kohlenmangel, Schwierigkeiten in der Beschaffung von Eisen und Stahl und dergleichen –, nun fast auf der ganzen Linie verstummt sind. Das war bereits vor den Preiskorrekturen auf diesen Gebieten. so und läßt die Erwartung zu, daß die „freigegebenen“ Preise sich (wenn auch nicht gleich, so doch relativ bald) auf einem Stände einspielen werden, der niedriger sein wird, als vielfach befürchtet werden mußte.

Einigermaßen optimistisch sind auch die kürzlich veröffentlichten Außenhandelsziffern für März zu werten. Sie zeigen weder auf der Einfuhrseite den erwarteten (oder befürchteten .. .) Rückgang bei der Rohstoffversorgung, noch bei den Ausfuhren jenes „Abrutschen“, das als wahrscheinlich bezeichnet war, das aber vielleicht doch noch, mit größerem zeitlichen Abstand eben zu den Einfuhrerschwerungen, wie sie für die Pfund- und Franken-Gebiete nun Tatsache geworden sind, fühlbar werden wird. Allerdings ist ja bei den langfristig laufenden Kontrakten für Investitionsgüter („Anlagen-Export“) ein schnelles Nachlassen nicht zu befürchten. Und nach dem Übergang zum System der „Einfuhranrechte“ (alias Exportbonus Modell 1952) wird ja wohl auch der „Umweg-Export“ nach den Dollar-Ländern mehr und mehr verschwinden, bei dem bis zu 15 v. H. unsrer an sich möglichen Dollar-Erlöse an „Zwischenhändler“ in den EZU-Ländern gegangen, also uns ergangen sind. Damit ist die „Dollarknappheit“ für uns zwar noch nicht behoben, aber doch gemildert. n. f.