Von Kurt Heinrich Hansen

Nicht einmal 150 Jahre alt ist die moderne Großstadt, in der wir heute so selbstverständlich leben. Sie verdankt ihr Entstehen den Erfindern und Technikern. Die haben die Großstadt gebaut – der Dichter aber hat sich mit ihr auseinandergesetzt. Denn der Einbruch der Realität Großstadt in das Bewußtsein des Dichters hat ihn in eine Krise geworfen, bei der es auf Leben und Tod ging. Der Versuch, dieser neuen, künstlichen Welt künstlerisch Herr zu werden, hat im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert einen fundamentalen Wechsel in der Technik und in der Thematik der modernen europäischen Dichtung zuwegegebracht.

Von der flammenden Empörung bis zur Verherrlichung, von der verzweifelten Flucht vor der Großstadt, von ihrer Verdammung bis zur Romantisierung und Bohemisierung ihres Fluidums, ihrer Dämmerungen und Verborgenheiten haben sich die Dichter der Großstadt gegenüber in allen Gesten versucht. Der erste war ein englischer Poet – und das ist nicht verwunderlich. Denn England ist ja das klassische Land der großen Stadt. London wurde schon um 1800 von fast einer Million Menschen bewohnt. Diese Zahl wurde von Paris erst in der Mitte und von Berlin und Wien sogar erst gegen Ende des Jahrhunderts erreicht. Dieser englische Dichter also – William Blake – schrieb um 1790 ein Gedicht, das die Entmenschlichung der in einer Großstadt zusammengepferchten Menschen schonungslos ausspricht. Er hört als erster den Angstschrei des Kindes. Seufzer sieht er „wie Blut an den Häuserwänden herunterrinnen“.

Die eigentlichen Romantiker freilich, zu denen William Blake nicht gehörte, blieben auch angesichts der großstädtischen Entwicklung nur Romantiker; zum Beispiel William Wordsworths in seinem berühmten London-Sonett von 1802:

Die Erde hat nichts Schöneres als dies zu bieten:

Die Stadt trägt jetzt wie ein Gewand

die Schönheit dieses Morgens ...