Von Paul Bourdin

Der Bundeskanzler hat ganz recht. Er hat es mit der Ausführung der Verabredung, die er in seinem Brief am 19. März mit Robert Schuman getroffen hat, nicht eiliger als sein französischer Partner. Die Zeit arbeitet an der Saar für Deutschland. Frankreich und das Saarbrücker Separatistenregime setzen sich immer offenkundiger ins Unrecht. Denn was ist seit dem 19. März geschehen?

Der Landeskongreß der saarländischen Einheit~~ hat den bisherigen Geschäftsführer des Industrieverbandes Bergbau, Paul Kutsch, zum Vorsitzenden gewählt. Was das politisch bedeutet, geht am klarsten aus der Rede, des neuen Vorsitzenden nach seiner Wahl hervor: „Änderung des gegenwärtigen Zustandes an der Saar!“ Die Saarländer lehnten es ab, sagte er, nach jedem Krieg wie Bienen oder Ameisen als Reparationsobjekt an einen fremden Staat verpachtet zu werden. „Bei einer Lösung der Saarfrage ziehen wir Deutschland vor, weil die deutsche Sprache, Art und Kultur uns eigen sind.“ Eine europäische Lösung sei nur denkbar, wenn vorher die Vorherrschaft Frankreichs falle. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“

Ebenso bezeichnend wie die Wahl von Kutsch, der die Zusammenarbeit mit den deutschen Gewerkschaften forderte, ist die der übrigen Vorstandsmitglieder. Nimmt man hinzu, daß der Vorsitzende der christlichen Gewerkschaften, Hillebrand, aus der verbotenen Demokratischen Partei kommt, so kann man sagen, daß die gesamte Arbeiterschaft der Saar in Opposition zu dem gegenwärtigen Regime steht. Glauben die Grandval und Hoffmann auf die Dauer gegen die Arbeiter regieren zu können? Der Bonner Bundestag jedenfalls wird die saarländischen Arbeiter nicht im Stich lassen dürfen.

Ein anderes Ereignis, das seit dem 19. März verzeichnet werden muß, ist ebenfalls nicht geeignet, die moralische Grundlage der französischen Saarpolitik zu stärken. Es gibt zwar keinen Alliierten Kontrollrat mehr, noch Besatzungszonen in der Bundesrepublik, aber in der ehemaligen französischen Zone wurde ohne Unterrichtung der anderen Besatzungsmächte, geschweige denn der deutschen Behörden die „Deutsche Saarzeitung“ beschlagnahmt und verboten, offenbar weil ein Artikel gegen den französischen Botschafter in Saarbrücken, Grandval, nach Kontrollratsgesetz Nr. 5 das Ansehen der Besatzungstruppen gefährdet. Abgesehen davon, daß das Ansehen des Herrn Grandval wohl kaum noch zu gefährden ist, wieso gehört der Saarbotschafter zu den Besatzungstruppen?

Freilich hat Grandval auch nach seiner Ernennung zum Botschafter noch immer die gleichen Vollmachten im Saargebiet, die er dort als Kommandeur der französischen Besatzungstruppen hatte. In der Anwendung des Kontrollratsgesetzes enthüllt sich die Besatzungsmentalität, von der sich die französischen Behörden weder in der Saar noch in der Bundesrepublik frei machen können. Und das vier Wochen bevor der Generalvertrag unterzeichnet werden soll, der angeblich die deutsche Souveränität wiederherstellt, und im gleichen Augenblick, in dem man nach einer Lösung der Saarfrage im europäischen Geist zu suchen vorgibt!

Die Zeit arbeitet, wie man sieht, weder für die französische noch für eine sogenannte europäische Lösung der Saarfrage. Denn beide Lösungen würden auf die Separation, die Losreißung von Deutschland hinauslaufen. Wenn Frankreich, wie es behauptet, in einer Europäisierung der Saar nur ein Mittel sieht, um die natürliche wirtschaftliche Einheit von Saarkohle und lothringischem Eisenerz zu sichern, so müßte doch zum mindesten gleichzeitig mit der Saar auch Lothringen europäisiert werden. Zu einer Föderation gehören doch wenigstens zwei. Statt damit anzufangen, die Saar zu europäisieren, sollte man aber erst einmal unseren Kontinent einschließlich Frankreichs europäisieren, das heißt mit europäischem Geist erfüllen. Solange Frankreich unter Europäisierung die Verkleinerung Deutschlands auf das ihm genehme Maß durch den Verzicht der Bundesrepublik auf die Wiedervereinigung und auf die Saar versteht, wird es uns den Geschmack an Europa verderben.