Von Paul Hühnerfeld

Gerhard Kramer: Wir werden weiter marschieren. Roman. (Lothar Blanvalet Verlag, Berlin, 540 S., Leinen 15,60 DM.)

Louis Clappier: Festung Königsberg. Roman. (Kiepenheuer Witsch, Köln, 216 S., Leinen 10,50 DM.)

Wer sechs Jahre Soldat war und dennoch Zivilist blieb, hat einiges, aber nicht alles geleistet. Der Rechtsanwalt Viktor Velten, herausgerissen aus seiner Praxis am Kurfürstendamm, Sonderführer während des Westfeldzuges und Landser im Osten, ist aber nur ein schlechter Zivilist; es fehlt ihm die Zivilcourage. Als im Osten zum Beispiel ein betrunkener Oberleutnant seine eigene Mannschaft mit einer Handgranate bedroht, steht auch er in Reih’ und Glied und knirscht nur mit den Zähnen. Und als jener die Handgranate schmeißt und einem seiner Soldaten damit den Unterleib aufreißt, sieht der Jurist Velten von einem Tatbericht ab, weil er ihn für zwecklos und gefährlich hält.

Viktor Velten ist der Held ohne Tapferkeit in Gerhard Kramers Buch. Der Verfasser ist Oberstaatsanwalt, und man darf wohl annehmen, daß es zum großen Teil eigene Gedanken sind, die er Viktor Velten aussprechen läßt. Diese Gedanken entstammen der Lebens- und Weltanschauung eines deutschen Intellektuellen, der heute um die Fünfzig ist, der viel gelesen und viel gesehen hat und dennoch nichts verändern konnte. Das Buch ist ein Schuldbekenntnis dieses Nichts-verhindern-könnens. Viktor Velten (und also auch wohl Gerhard Kramer) waren zwar, wie jeder damals, „dagegen“, aber, wie alle, „dabei“.

Als ein Dokument der Unzulänglichkeit ist dieses Buch interessant. Als ein Dokument der Unzulänglichkeit waren schon die Aufzeichnungen des Sonderführers Hartlaub aus dem Führerhauptquartier lesenswert. Als ein solches Dokument konnte in Karl Friedrich Borees Roman „Ein Abschied“ die Figur des Chemikers gewertet werden, und auch Curt Hohoffs Tagebuchblätter „Woina, Woina!“ sind ein Symptom: Sie alle standen nach Hitlers Worten „in einer großen Zeit“. Und wenn auch die Zeit nicht in dem Sinne groß war, wie jener meinte, so war sie doch zu schwer für viele, die auf der Universität gelernt hatten, sie seien die „geistige Elite des Volkes“.

Gewiß: höchstens 50 Seiten aus Kramers Roman können das Prädikat des interessanten Dokuments beanspruchen, die anderen 490 gehen dahin mit Reden, Reden, Reden ... Aber vielleicht ist auch dieser endlose Redestrom, unterbrochen nur durch mißglückte dichterische Überhöhungen, ein Dokument der Unzulänglichkeit, und vielleicht braucht der Verfasser die ganze Länge dieser Ausführungen, damit er selbst einsieht, was der Leser schon nach wenigen Sätzen weiß: daß sein Held – wie Goethes Clavigo – „ein kleiner Mensch“ ist.