Von W. Ed. Burkhard

W. Ed. Burkhard ist ein amerikanischer Geschäftsmann. Er war als Soldat in Deutschland und nahm 1951 eine Stellung in der Stadt Bofu in Japan an. Vor einiger Zeit schrieb er einen langen Brief, in dem er die Merkwürdigkeiten des japanischen Lebens – oder was ihm merkwürdig daran vorkam – ausführlich und unbekümmert schilderte. Sein Bericht, aus dem wir einige Bruchstücke abdrucken, unterscheidet sich sehr wesentlich von der sonstigen amtlichen und nichtamtlichen Berichterstattung über Japan, vor allem ist er ganz unpolitisch.

Die Leute in Japan,sind meistens außerordentlich höflich und zuvorkommend; sie lachen über jeden Scherz zur rechten Zeit. Die Männer, die bei mir arbeiten, sind schrecklich um mich bemüht – vielleicht weil sie mich für sehr alt halten, wie ich einmal hörte. Sie lassen mich nichts tragen, halten mir die Türen offen, ja, fassen mich am Arm, um mich zu führen – man kann sich denken, wie wenig angenehm mir das ist!

Sehr einfallsreich sind sie nicht. Sie machen das Westliche nach, ohne Wahl das Gute wie das Schlechte. Sie sehen immer so aus, als ob sie in tiefe Kontemplation versunken wären, aber ich möchte wetten, daß hinter der ernsten Miene meistens gar nicht viel vorgeht. Wir waren schon früher überrascht, daß junge Männer, die uns in den USA besuchten, im Auto lieber schliefen, statt sich die Gegend anzusehen. Und hier sieht auch in den Fernzügen niemand zum Fenster hinaus, sondern alle lesen oder schlafen – wahrscheinlich träumen sie von Geishas:

Der Krieg hat die Verwestlichung Japans sicherlich beschleunigt, und in einiger Zeit werden die Mängel, besonders in der Produktion und an den aus ihr resultierenden Waren und Gebrauchsgegenständen, zweifellos korrigiert sein. Daß die Japaner uns Amerikaner besonders lieben, glaube ich nicht, aber ich bin überzeugt, daß sie die Bequemlichkeiten unserer Lebensweise im höchsten Grade bewundern. Heute schon sieht man sehr selten einen Mann in japanischer Tracht; viele Frauen tragen noch den Kimono innerhalb und außerhalb des Hauses, aber es scheint mir, daß auch dies in einigen Jahren aufhören wird. Der Kimono wird dann nur noch bei besonderen Gelegenheiten zu sehen sein. Alle Schulmädchen tragen blaue Matrosenkleider und gewöhnliche Schuhe, und alle besseren Boys kleiden sich vollkommen westlich.

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Nach einem zehntägigen Aufenthalt in Tokio fuhren wir nach Bofu. Die Reise von etwa 1100 km dauerte 20 Stunden und war, in der I. Klasse, ziemlich komfortabel. In den billigeren Klassen sind die Züge ständig überfüllt. Es ist mir schon passiert, daß ich in der II. Klasse viele Stunden stehen mußte. Bofu ist eine kleine, typisch japanische Stadt von 80 000 Einwohnern. Aber wenn man die Stadt ansieht, fragt man sich, wo diese 80 000 eigentlich unterkommen. Da unser Haus in dem 10 km entfernten Tonomi noch nicht beziehbar war, blieben wir zuerst im Hotel. Nach zwei Tagen war aber unser Bedarf an japanischem Provinzstadt-Hotel so reichlich befriedigt, daß wir lieber in das unfertige Haus zogen. Zu unseren Vorbereitungen gehörte es insbesondere, ein Lager von Konserven und sonstigem Kram einzukaufen. Wir haben jetzt mehr Büchsen in der Speisekammer als manches Lebensmittelgeschäft in der Stadt. Unlängst war ich in Fukuoka, auf der Insel Kiuscho, um Lebensmittel zu kaufen, die man hier nicht bekommt. Fukuoka ist die wichtigste Luftbasis für die UNO-Streitkräfte in Korea. Ich sah eine Anzahl von Verwundetentransporten und fühlte mich miserabel. Wenn ich das sehe und dann in unserer Nippon Times vom Gesellschaftsleben und den Parties in Tokio lese, werde ich wütend auf die Schurken in Washington. Die Nippon Times, die mit vier bis acht Seiten Umfang erscheinen, kommen täglich mit der Post und sind uns übrigens sehr willkommen.