Unsere Leser, soweit sie in oder nahe einer größeren europäischen Stadt wohnen, haben in den kommenden Wochen Gelegenheit, auch im Theater zu erleben, wie „Nationen ihren Humor vergleichen“. Sie brauchen nur in eine Aufführung der Komödie zu gehen, die augenblicklich diesseits des Eisernen Vorhangs der internationale Best-Seller unter den Stücken ist: Peter Ustinows „Liebe der vier Obersten“. Da werden sie Zeugen, wie vier Sieger im Oberstenrang – ein Amerikaner, ein Sowjetrusse, ein Engländer, ein Franzose – jeder seinen nationalen Humor mit dem der anderen (natürlich zu seinem Vorteil) und mit dem der Besiegten vergleicht, die durch einen deutschen Bürgermeister und das unter allen Katastrophen hinwegschlafende, nur zum Schein erweckte Dornröschen genau in der anmutigen und spöttischen Gelassenheit vertreten sind, wie sie Besiegten ansteht.

Das liebenswerte Stück, ein brillierendes Gozzi-Märchenstück unserer Tage, also dem großen Italiener gegenüber bereichert um die politischen und die theatralischen Erfahrungen von zwei Jahrhunderten, wird in Deutschland gewiß nicht nur die Berliner und die Hamburger, die es schon zu sehen bekamen (letztere jüngst bei einer recht gozzi-würdigen Inszenierung des Deutschen Schauspielhauses in dem ingeniösen Dekor der Bühnenbildnerin Ita Maximowna, die fast so kosmopolitisch ist wie der russo-germano-francoenglische Autor Ustinow selbst), über die Maßen belustigen, sondern alle Theaterbesucher der Bundesrepublik. Wie bringt Ustinow dies Zauberkunststück fertig, das in einem Punkte sogar an Schwierigkeit der Quadratur des Zirkels gleichkommt: das allerpeinlichste der politischen Probleme von heute aufzugreifen und es so in die Dimension der Kunst zu heben, daß kein bitterer Rest verbleibt?

Auch Guareschis lustiger Roman „Don Camillo und Peppone“ gewinnt dem fatalen Konflikt, den man den „Ost-West-Konflikt“ zu nennen beliebt, die heitere Seite ab, ohne doch die Gegensätze zu verschleifen. Immerhin: der Kommunist Peppone ist ein Italiener, das heißt noch kein trainierter Funktionär. Ustinows Oberst Ikonenko dagegen ist ein solcher, massiv linientreu und von der mißmutigen Furchtsamkeit subalterner Funktionäre – und doch ein Mensch mit schamhaft verborgenem Herzen.

Aber heißt das nicht, zu rosig malen? Nimmt nicht das System denen, die ihm dienen müssen, alles Humane? So stellt es sich der vereinfachende Verstand vieler Politiker vor und erreicht damit, daß der so gut begründete Abscheu vor dem System umschlägt in einen schlecht begründeten (weil überhaupt nicht zu begründenden) Haß gegen Millionen einzelner Menschen (eben der Sowjetbürger), die ja nun einmal nicht „auch nur Menschen“ sind, also gewissermaßen Auch-Menschen, sondern ganz simpel Menschen wie wir besser Placierten auch. Geschöpfe Gottes.

Im Munde der heutigen Theologen (von Karl Barth bis Niemöller) ist die Warnung vor solchem Haß immer sogleich an die Neigung gebunden, besseres Auskommen mit dem System zu empfehlen – obwohl doch gerade Theologen wissen sollten, daß der Teufel die ganze Hand nimmt, wenn man ihm den kleinen Finger bietet. Indessen, weil sie mit gutem Recht und nach Christenpflicht nicht zugeben wollen, daß irgendwer (Stalin zum Beispiel) die reine Inkarnation des Bösen sei, mögen sie nicht einsehen, daß das Sowjetsystem als Ganzes eine Erscheinung des Anti-Christ ist, und verwirren die Geister ihrer Gemeinden.

Sie könnten bei Ustinow in die Lehre gehen. Denn dieser Erz-Komödiant, der als Mime und Parodist begann und auch als Autor ein homo ludens geblieben ist, erweckt – wie definierte es doch Aristoteles? –: ebensowohl Furcht wie Mitleid bei seinen Zuschauern angesichts der Figur eines nach dem Leben skizzierten Sowjet-Obersten. Furcht vor der feindseligen Macht, in deren Namen er sein „Njet“ spricht, und Mitleid mit ihm, daß er in ihre Unfreiheit gebannt ist. Eine durchaus tragische Erschütterung also, die zur lächelnden Rührung wird, wenn der grünbemützte Bär im Spiel mit Dornröschen sich einen geheimen Wunschtraum erfüllen darf: während das adlige Fräulein mit sich selbst Krocket spielt, sitzt er als Garde-Oberst des Zaren an einer Schaukel und strickt einen Pulswärmer. Hier wird, durch eine Turgenjew- und Tschechow-Parodie, eine tiefste Humor-Schicht bloßgelegt, eine Humus-Schicht geradezu, die sich unter allen Vorhängen hindurchzieht: die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.

Man entsetzt sich mit Grund vor den Sowjets, die die Bühne zur Tribüne degradieren, deren Bretter nicht mehr die Welt, sondern nur noch die jeweilige Tagesparole bedeuten. Jedoch die Verkennung des Dramas als Komfort des Geistes, wie sie im Abendland heute üblich ist, zeugt von nicht geringerem Kulturverfall. Eine Gesellschaft, die nicht mehr vom Theater Heilung ihrer Gebrechen verlangt, hat sich selbst verloren gegeben. Für sie haben die griechischen Tragiker und Aristophanes, die Elisabethaner, Racine und Molière, Goethe und Kleist vergeblich gedichtet – auch wenn sie sie auf dem „Spielplan“ hat.