Für den Steuerzahler in den USA ist alles, was „Europa-Hilfe“ heißt, nicht übermäßig attraktiv – gleichgültig, ob die Hilfsaktion nun ERP oder MSA firmiert. Begreiflich also, daß die Überlegung aufgetaucht ist, eine Umschaltung der Hilfeleistungen vorzunehmen: etwa so, daß Europa zum Aufbau eines gemeinsamen Währungsfonds Gold im Werte von drei Milliarden Dollar aus dem sterilen Hort von Fort Knox erhielte. Das wäre psychologisch und damit auch politisch leichter durchzusetzen als eine Fortführung der Hilfe nach dem bisherigen System, also in Form von Materiallieferungen, die aus Etatsmitteln der USA (und damit letztlich mit Dollars der Steuerzahler) bezahlt werden müssen. Zugleich würde so die auf beiden Seiten des Atlantiks aus politisch-ökonomischen Motiven angestrebte wirtschaftliche Integration Europas weitergetrieben werden können – wirkungsvoller und nachhaltiger sicherlich, als es durch eine Zersplitterung der Dollarhilfe auf einzelne Länder je möglich wäre.

Kurs auf die „europäische Einheitswährung“ also? Nun, das mag als Fernziel gelten. Realistischem Denken würde als nächste Etappe auf dem Wege zur „Währungsunion“ schon genügen, wenn die Konvertibilität der europäischen Währungen herzustellen wäre. Das würde also die Abschaffung der Devisenzwangswirtschaft (allgemein – mindestens aber:) im Zahlungsverkehr der europäischen Clearing-Partner untereinander bedeuten, und zugleich die Rückkehr zu einem freien Warenverkehr über die Grenzen – gehemmt nur noch durch Zölle (die man allmählich abbauen kann ...), nicht aber mehr durch Einfuhrkontingente, -restriktionen und -verbote, nicht mehr verfälscht durch Lizenzierungen, durch offene und versteckte Subventionierungen im Außenhandel. Kurz: es soll nun wirklich Ernst werden mit dem einen großen europäischen Markt – nicht mehr von irgendwelchen Teilgebieten und Außenpositionen aus, sondern vom Zentralnervensystem der Wirtschaft, von der Währungsverfassung her sollen jetzt Koordination und Integration „gesteuert“ werden.

Ist das kein gutes Programm? Wieder einmal lag eine Idee „in der Luft“ – fast gleichzeitig ist sie von verschiedenen Seiten her aufgegriffen, zur Diskussion gestellt und vorangetrieben worden. Zeitlich zuerst kam die Stellungnahme des „Europäischen Wirtschaftsrates“, wie die OEEC neuerdings im Bonner Regierungsviertel genannt wird. In dem Bericht über das Programm zur Ausweitung der Produktion – um 25 v. H. bis 1956 – wird das Primat der Währungspolitik, von dem bisher kaum je die Rede war, klar anerkannt: „Das Problem der inneren finanziellen Stabilität beherrscht in vielfältiger Verbindung alle anderen Fragen.“ Das ist die gleiche Erkenntnis, zu der wir nach den Erfahrungen der letzten Jahre in Deutschland gelangt sind – wie denn überhaupt der neueste OEEC-Bericht, sehr im Gegensatz zu früheren Äußerungen und Empfehlungen der gleichen Instanz, durchaus den Eindruck vermittelt, daß die Probleme überall in Europa ähnlich gelagert sind wie bei uns, und daß die von Bonn und Frankfurt aus exerzierten wirtschaftspolitischen Aushilfen mehr und mehr anerkannt (auch: zur Nachahmung empfohlen...) werden.

Anknüpfend an den Bericht der OEEC, hat dann der Bundesvorstand der deutschen Industrie die Frage aufgeworfen, „ob nicht eine allmähliche Verschmelzung der europäischen Volkswirtschaften auf dem umfassenden Wege einer Koordinierung der Währungs-, Finanz- und Kreditpolitik eher realisierbar sei als durch die Schaffung von (weiteren) Teilunionen“. Unmittelbar danach meldete sich die „Deutsche Gruppe der Internationalen Handelskammer“ zum Thema. Auf ihrer Hauptausschußsitzung im Benrather Schlößchen referierte zunächst M. Lucien L. Sermon (Brüssel) über Stand, Aussichten und Methoden einer europäischen Wirtschaftsintegration – mit einer wiederum recht positiven Kritik an der deutschen Währungspolitik. In seinem Schlußwort dazu gab Dr. Merton (Frankfurt), der Präsident der „Deutschen Gruppe“, die Anregung, „eine Art Schuman-Plan der europäischen Währungen“ zu schaffen. Und den – vorläufigen – Abschluß dieser neuen Diskussion gab dann Prof. Erhard in Köln, als er vor den Mitgliedern der Deutsch-Belgisch-Luxemburgischen Handelskammer die Beseitigung der Devisenzwangswirtschaft forderte: „Der Mann, der dies schließlich fertigbringt, hat für Europa mehr geleistet als – bisher – alle Parlamente und Institutionen zusammengenommen“. E. T.