Anton Betzner: Der vielgeliebte Sohn. Roman (G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, Hamm; 475 S., Leinen 15,– DM).

Wolfgang Bächler: Der nächtliche Gast. Erzählung (Verlag Eremiten-Presse, Frankfurt a. M., 172 S., 6,60 DM).

„Die Jugend von heute“, sagen die Älteren und Alten, und ein Kopfschütteln begleitet ihre Worte, die von Mißtrauen und Sich-besserdünken erfüllt sind. Sie wuchsen in einer gesicherten Welt auf, und ihre Anfeindungen lagen in einem abgegrenzten Bereich. Wer aber zieht solche Grenzen für diejenigen Kinder und jungen Menschen, die den Schrecknissen des Krieges und den Wirren der ersten Nachkriegsjahr uabehütet ausgeliefert waren? Wer hat den Mut, die Kraft, die Geduld und die Liebe, sich ihrer mütterlich anzunehmen, ihnen den Weg in ein geordnetes Leben zu ebnen und sie vergessen zu lassen, was die Unbilden der Zeit ihnen angetan haben? Jeder ist, viel mehr als früher, mit seinen persönlichen Kümmernissen angefüllt, und den Blick über den Horizont der eigenen häuslichen Welt wagen nur wenige. Die Sorge für die Heimatlosen und Liebebedürftigen überläßt man den „zuständigen“ Stellen, den Jugend- und Sozialämtern, der Kirche. Und man hat dabei sogar noch ein relativ gutes Gewissen.

Anton Betzner, dem südwestdeutschen Romancier (Carl Zuckmayer trat ihm schon 1929 den Georg-Büchner-Preis ab), ließ das Problem der elternlosen, vom heimatlichen Boden vertriebener, vagabundierenden Kinder keine Ruhe. In seinem großen Roman „Der vielgeliebte Sohn“ spürt er dem Schicksal des ostpreußischen Fischersohnes Peter Markein mit sensibelster Einfühlung und psychologischer Meisterschaft nach, ohne dabei den Blick für die Umwelt und die typischen Zeiterscheinungen zu schmälern. Er stellt diesen Flüchtlingsjungen der Generation von vorgestern gegenüber, einer einstmals behüteten, und auch heute noch am Althergebrachten hängenden Generation, deren eigene Tragik er mit behutsamer Sicherheit aufreißt.

Peter Markein, von der Landstraße aufgelesen und in einem großen Waisenhaus untergebracht, wird der Pflegesohn der alten, unverheirateten, etwas verwachsenen Zwillingsschwestern Poppelreuther, die, unsicher zwar, aber guten Willens, sich der – anvertrauten Aufgabe annehmen. „Die Geheimnisse wehten noch in ihnen nach. In diesen jüngferlichen Müttern, die nie geblüht, nie Frucht getragen haben; die in der Wiege, in den Mädchenbetten schon welk lagen; denen im alten Herzen ein Reis aufbrach, ein schattenhaftes Gewächs, das sich zu entfalten begann; von der unheimlichen Gewalt der Schemen, der Spiegelungen, deren gewaltsamste, lieblichste und schrecklichste die Liebe ist. Auch von ihnen hat sie Besitz ergriffen.“

Sie bemuttern den „vielgeliebten Sohn“, entreißen ihn unter Selbstaufgabe dem Tode, von den Nachbarn und Mißgünstigen verlacht. Sie wollen ihm vertrauen. Jedoch sie erliegen wieder und wieder der Versuchung, ihrem durch Vorurteil und Einflüsterungen wachen Mißtrauen nachzugeben. Es bleibt ein Rest, ein Schatten, der nicht zu überbrücken ist. Und Peter, dessen Fieberphantasien ihm Vater, Mutter, Geschwister, das Dorf am Haff, aber auch den gnadenlosen Weg der Flucht mit all seinem Grauen vorspiegeln, der Vertrauen braucht, um den Ekel hinunterzuwürgen, den ihm die Erwachsenen, die Liebe, das Leben überhaupt einflößten – Peter findet zum erstenmal zu sich selbst in einer reinen, kindlich unbewußten Liebe zu einem gleichaltrigen Mädchen. Aber auch hieran rühren die Großen, nehmen diesem Erlebnis den keuschen Zauber und ziehen die so leicht verletzlichen Gefühle wiederum in den Schmutz. Der Versuch, in eine Ordnung zurückzukehren, ist gescheitert. Der Junge verläßt die Mütter und nimmt, zusammen mit Kameraden aus dem Waisenhaus, das alte Vagabundenleben wieder auf. Diese selbstgewählte – Freiheit enttäuscht ihn. Allein zieht er weiter, um endlich bei einem Rheinschiffer und seiner Frau einen neuen Anfang zu finden. „Traumsicher war Peter Markein dem Wind vom Strom her entgegengewandert. So sicher hielt er sich jetzt in allem, was er sagte, bei der Wahrheit, als gäbe es nirgends auf der Welt auch nur die geringste Lüge oder Unredlichkeit. Das war einfach da, die Selbsthilfe, die er in sich trug.“

Ähnlich wie Joyce Gary in seinen „Schwestern“ wo gleichfalls die vorgestrige und die heutige Generation aufeinanderprallen, läßt Betzner die Geschehnisse des Buches erst durch Rückblenden deutlich werden. So zwingt er den Leser, mitzudenken und die Stücke selbst zusammenzufügen. Das ist zwar nicht immer bequem, aber es lohnt die Stunden der Lektüre, weil nur so das Jüngstvergangene immer wieder in die Gegenwärtigkeit gerückt werden kann.