Der Deutsche Fußball-Bund hat eine scharfe Erklärung gegen die deutsche Sportpresse veröffentlicht, die „die besten Vertreter und stärksten Aktiven“ des DFB mit dem „Odium des Schiebertums“ belegt habe. In dieser Erklärung wurde vor allen Dingen auf die Kommentare zu dem süddeutschen Spitzenspiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Nürnberg hingewiesen. Diesen Kampf hatte die Stuttgarter Mannschaft gewonnen. Dazu tauchten nun einige Tage später folgende Vermutungen auf: Zunächst einmal, so wurde gesagt, könne man sich vorstellen, daß der 1. FC Nürnberg das Spiel mit Absicht verloren habe, weil er in den Endkämpfen mit so berühmten Fußballvereinen wie Schalke 04 und dem Hamburger Sport-Verein zusammenspielen wolle. Als Sieger nämlich wäre er in eine andere Gruppe gekpmmen mit weniger populären Sportklubs zusammen und hätte dann wohl nicht so viele Zuschauer bei den Endspielen gehabt...

Es gibt aber auch noch eine andere Version, und die führt – ganz gleich ob sie nun zu Recht oder zu Unrecht besteht – mitten in die Krise des deutschen Fußballsports hinein: In jener anderen Gruppe, in die die Nürnberger geraten wären, hätten sie das Spiel in Stuttgart gewonnen, spielt nämlich auch der Berliner Meister Tennis Borussia. Dieser Sportklub wurde von den Nürnbergern im Vorjahre als ein Sportverein von „Schiebern“ bezeichnet, ohne daß es dem Nürnberger Klub gelungen wäre, den Wahrheitsbeweis für diese Beleidigung aufzustellen.

Jeder erinnert sich an diesen peinlichen Vorfall: Zwei deutsche Endspielteilnehmer, nämlich Preußen-Münster und Tennis Borussia wurden nach ihrem Spiel von Nürnberg des Betruges angezeigt, und erst Monate später nahmen die Nürnberger ihre Anschuldigungen zurück. Sie sind bis heute vom Deutschen Fußball-Bund nicht bestraft worden, obwohl es in jedem Prozeß üblich ist, daß der Beleidigte für seinen Beleidiger eine Strafe verlangen kann und nicht nur eine Entschuldigung.

Was wäre wohl geschehen, wenn diese beiden Sportklubs aufeinandergestoßen wären? Und was wird geschehen, wenn sie zufällig beide in ihrer Gruppe Endspielsieger werden sollten und im Endspiel um die deutsche Meisterschaft aufeinander treffen? Müßten nicht die Berliner als Beleidigte, denen bis heute keine Genugtuung gegeben worden ist, ein solches Spiel ablehnen?

„Kein Jota spricht dafür“, so heißt es in der Erklärung des Deutschen Fußball-Bundes, „daß eine solche Behauptung... wahr ist.“ Gemeint sind damit jene Vermutungen, die eben zitiert wurden. Nun, es sprachen einige Jotas dafür, daß im Fußball heute nicht alles so „sportlich“ zugeht, wie es wohl müßte: der Hamburger Sportclub Victoria hat Anzeige erstattet, weil er sich durch die Spielplanaufstellung während der vergangenen Saison benachteiligt fühlte. Der Kieler Sportverein Holstein hat gegen sich selbst Anzeige erstattet, weil man vermutet habe, daß er ein Punktespiel gegen Eintracht Braunschweig mit Absicht verlor. Der Sportklub Werder Bremen hat sich in der Presse sagen lassen müssen, daß er seine erste Mannschaft am Ostersonntag absichtlich in abgekämpftem Zustand (nach einem Karfreitagsspiel gegen Nürnberg!) gegen Eintracht Osnabrück habe, antreten lassen, um diesem Verein zwei Pluspunkte zuzuschanzen. Der Fußballsport ist Geschäft geworden, und er muß sich deshalb jetzt auch den Bedingungen des Geschäftslebens fügen. Aber der Sport hat damit seinen Sinn verloren.

Das Publikum zum Beispiel gewöhnt sich daran, auch die Sportsleute wie Stars zu messen und zu behandeln. Die deutsche Fußballmannschaft, die gegen Luxemburg antrat, sollte ihren Sturmführerstar Fritz Walter mitbringen, obwohl er eigentlich nicht aufgestellt worden war, andernfalls drohte man, die Karten abzubestellen. Tatsächlich blieb der erhoffte Massenbesuch aus – auch aus Deutschland kamen nur 3000 anstatt der erwarteten 8000 Besucher, weil „nur die zweite Garnitur“ spielte.

Zwar ließen sich diesmal die Verantwortlichen nicht einschüchtern – aber der Vorgang zeigt doch, wie es im Fußballsport steht.

Ein „bitteres Gefühl“ steige in den „führenden Männern“ des deutschen Fußballsports auf, so heißt es in der Erklärung weiter, wenn sie solche Angriffe lesen. Zu einem bitteren Gefühl haben sie freilich auch allen Grund: nicht allerdings wegen dieser Angriffe, sondern eher der Zwittersituation wegen, in der sich gerade der Fußballsport heute in Deutschland befindet: nämlich immer noch zur Hälfte Sport und noch nicht ganz von Managern fest geleitetes Geschäft zu sein.