Von Jan Molitor

Am 7. Mai betrauert Bad Oeynhausen die siebente Wiederkehr des Tages, an dem die Stadt das wurde, was sie bis heute geblieben ist: Headquarters der brischen Besatzungsarmee.

Sehr interessant, dieses Oeynhausen!“ pflegen die durchreisenden Gäste zu sagen, die im „Hotel Meyer“ einkehren. Sie regeln rasch ihre Geschäfte, setzen sich ins Auto und brausen davon. „Keine Kurgäste, Herr Meyer?“ – „Ach was! Geschäftsreisende! Mein Hotel ist zu weit entfernt vom Kurpark.“ Und doch liegt dieses Hotel dem Stadtzentrum noch am nächsten. „Warum finden die Reisenden Oeynhausen so interessant und fahren trotzdem ab, so schnell sie können?“ – „Weil sich das Leben unserer Stadt seit sieben Jahren nicht geändert hat. Am 7. Mai 1945, punkt 12 Uhr mittags, rückten die Engländer ein und beschlagnahmten die Stadt, zogen einen Stacheldraht, der das Kur- und Villenviertel und das Zentrum umfaßte. Der Stacheldraht ist zwar gefallen; das war vor zwei Jahren. Alles andere ist so geblieben, wie die Engländer es nun geregelt hatten.“ – „Wo wohnen die Bürger?“ – „Rund um die Stadt herum.“ – „Sehf interessant!“ – „Ja, nicht wahr?“ erwiderte der Hotelier Meyer, der drinnen in der Stadt zwei Hotels besitzt, den „Hohenzollern-Hof“ mit 150 Betten (heute Family-Hostel und durchschnittlich bloß zu 50 v. H. besetzt) und das „Viktoria-Hotel“ mit 70 Betten (heute Visitors-Meß für amtliche Besucher des Headquarters und meist nur zu 40 v. H. belegt). – „Nun, dann wollen wir mal in die Stadt fahren und alles besehen.“ – „Ja, tun Sie das! Sehr interessant“, riet auch der Kellner des Hotels Meyer, das natürlich ein Behelfshotel ist, ein Ausweichhotel; ein zugleich fester und provisorischer Bau, den Herr Meyer vor der Stadt errichtete, weil er den Families und den Visitors weichen mußte. Dieser Fall Meyer steht hier als ein noch günstiges Beispiel für viele ungünstigere Fälle. Denn früher lebten 6500 Menschen im beschlagnahmten Zentrum Oeynhausens allein, vom Kurbetrieb. Und ebenso viele wurden evakuiert. Sie zogen in Baracken, und da sitzen sie noch heute.

Manchmal gehen sie in die Stadt hinein, sehen ihr Eigentum, ihre Villa, ihr Haus von draußei an und schütteln die Köpfe. Soweit die evakuierten Oeynhauser tüchtige Geschäftsleute waren und soweit sie finanzielle Rücklagen oder Hilfen hatten, errichteten sie Baracken-Läden. Eine ganz: Straßenfront von Behelfsläden –: das ist der erste Anblick, den Oeynhausen bietet. Wäre drinnen manche von Engländern bewohnte Villa bloß so sauber wie es diese Behelfsläden sind! Zuerst kommt man zum Bahnhof. Da ist’s nun auch sehr interessant, daß damals – im Zeichen der Nonfraternisation – den Deutschen der Haupteingang gesperrt und ihnen der rückwärtige Zugang über die Gleise freigegeben wurde. Auch dies ist bis heute – also bis zu den Zeiten der europäischen Freundschaft! – so geblieben...

Die Fahrt durch die Stadt ist rasch erzählt Die Bauten im Kurpark – bis auf einen Teil der Kurgebäude, der kürzlich freigegeben wurde und derzeit renoviert wird – sind fest in britischer Hand. Ebenso alle Häuser der inneren Stadt. Man denkt, man käme in eine langweilige britische Garnison. Die einstige Stacheldrahtgrenze, die vor zwei Jahren fiel –: man erkennt sie noch genau. Innerhalb dieser Grenze nichts als englische Aufschriften. Britische Buchläden und Family-Shops. Alle 21 Hotels würden, englisch, ferner 16. Gaststätten, drei Kurheime, 180 Fremdenheime, 11 Werkstätten und Fabriken, 724 Wohngebäude, 65 Grundstücke der öffentlichen Hand, alle Schulen, alle Kirchen, das Rathaus, das Amtsgericht, das Postgebäude... An den Straßenkreuzungen stehen englische Soldaten und langweilen sich. („Verlobungen und gar Heiraten zwischen Engländern und Deutschen kommen sehr selten vor“, sagt der Standesbeamte); auf den Bürgersteigen rollen die hochrädrigen, unverkennbar englischen Kinderwagen. Wo englische Familien wohnen, das erkennt man genau; es sind Gardinen an den Fenstern; wo unbeweibte Soldaten wohnen, fehlen die Gardinen. Am Rande der Stadt sind englische Hockey-Plätze angelegt: ihre Anlage kostete 40 000 DM. Auf den Rat eines Oeynhauser Bürgers haben wir jedoch nicht nur diese Sportplätze, nicht nur das hochmoderne Schwimmbad im Park angesehen, auf dessen Neubau die Engländer bestanden, „weil sie auch im Winter baden wollten“ (es kostete 420 000 DM), sondern wir sahen, auch den Posten, der einen großen englischen Kohlenvorrat bewachte: es war ein junger Mann, der eine Keule trug. „Alt-Kelte“ heißt der Spottname für den so urig bewaffneten Krieger im Slang der Oeynhauser. Zurück zum Kurpark, wo keine Kurgäste wandeln. Und hier standen wir vor den verkohlten Trümmern des Badehauses II, das neuerdings in aller Welt die Rede auf Oeynhausen brachte. Es brannte ab; zugleich schlugen die Flammen heißer Empörung hoch. Ratssitzung der Stadtväter! Protest der Bevölkerung. Rufe: Go home – Englische Erwiderung: Sorry.

Es ist in den Meldungen, die durch viele deutsche und ausländische Zeitungen gingen, nicht gesagt worden, was es mit dem „Badehaus II“ auf sich hat. Man denkt: ‚Was kann schon an einem Badehaus gelegen sein?‘ Anders die Oeynhauser Bürger. Dieses Backhaus war ihr Stolz. Ein immens reicher Schwede, der in Oeynhausen gesund geworden war, hatte es der Stadt geschenkt. „Es war gebaut aus einer amerikanischen Art von Edelholz und hat schon damals, als die Mark noch etwas wert war, fast eine Million gekostet. Sie brauchten heute zwei Millionen DM, mein Herr, wenn Sie das Badehaus II noch einmal bauen wollten, ganz davon abgesehen, daß überhaupt keiner in der Lage ist, dies seltene Edelholz zu beschaffen.“ – „Nun, wie ist der Brand entstanden?“ – Auf diese Frage gibt es dreierlei Erwiderungen. Erste Antwort: Achselzucken. Zweite – und zwar offizielle – Antwort: „Zumindest grobe Fahrlässigkeit.“ Dritte und häufigste Erwiderung: „Es waren im Badehaus II Lagerbestände untergebracht. Auch in einem militärischen Lager muß von Zeit zu Zeit abgerechnet werden. Und dann kommt ein Brand doch sehr bequem. Der Tag der Abrechnung war gekommen...“ Wenn man auf die Schwere dieses Vorwurfs hinweist, so weisen die Oeynhauser Bürger auf frühere Brände hin: „Es brannte auch früher schon mit Vorliebe in Lagerbeständen“, sagen sie. – „Es brannte ziemlich oft, nicht wahr?“ – „Es brannte das Kurhaus, es brannten vier Wohnhäuser jetzt das Badehaus... Summa summarum: rund vier Millionen Schaden, weitere 36 Brände gar nicht gerechnet... Alles sehr interessant, nicht wahr?“

Was die „interessanten“ Geschichten angeht – da ist es besser: man stoppt die Gespräche. „Sehen Sie mal: Als wir aus der Stadt rausmußten, hieß es ausdrücklich, die Radioapparate, Teppiche und Kunstgegenstände hätten dazubleiben. Heute verweigern die Engländer die Rückerstattung gerade dieser Gegenstände; das ist doch – gelinde gesagt...“ – „Stop!“ – Oder: „Sehen Sie mal, da war doch Frau X, diese phantastisch reiche Frau, die jedes Jahr zur Kur kam und dann überhaupt nicht mehr wegging: so schön fand sie Oeynhausen. Und baute sich, eine Mordsvilla mit dem berühmten eingebauten Kamin aus Onyx oder so ’nem Halbedelstein. Die Villa wurde beschlagnahmt, und da ist sogar der festeingebaute Kamin...“ – „Stop!“ – „Bitte, betrachten Sie meine Lage! Ich bin Besitzer eines 16-Zimmer-Hauses, dessen Bau vor dem Kriege 80 000 Mark kostete. Als Entschädigung erhalte ich für das Haus und alles Mobiliar monatlich 83 Mark. Aber die Steuern muß selbstverständlich ich bezahlen. Das ist doch...“ – „Stop!“ –