Es war pechschwarz in dem kleinen Keller, und wir konnten jedes Wort und jede Bewegung über uns so genau hören, daß wir wußten: absolute Stille tut not. Teissier, Murphy und die zwei anderen spielten vor der Polizei Theater. Sie klirrten mit Flaschen, sangen und waren wirklich ungemein lustig. Es kam heraus, daß die arabische Dienerschaft mißtrauisch geworden war, weil man sie fortgeschickt hatte. Als sie dann am Strand auch noch die Fußstapfen erblickten, liefen sie zur Polizei. Murphy wies sich als der amerikanische Konsul in Algier aus. Dreist ließ er durchblicken, daß eine kleine Gesellschaft im Gange sei, daß im oberen Stock Damen seien, und redete auf die französische Polizei ein, sie solle ihn nicht in Verlegenheit bringen. Wir konnten hören, wie die Polizei, suchend herumtrapste. Sooft ihre Füße sich unserer Falltür näherten, schlugen unsere sieben Herzen bis in die Kehle hinauf.“

Diese Schilderung stammt von General Mark Clark, der für die Nachfolge Ridgways in Tokio genannt wird, für den Fall, daß Ridgway Eisenhower in Paris ablöst. Der Konsul Robert Murphy aber, der die geheime und fast entdeckte Zusammenkunft zwischen amerikanischen und französischen Offizieren als Vorbereitung für die alliierte Landung in Nordafrika arrangiert hatte, ist soeben zum Botschafter in Japan ernannt worden: In Algier und Marokko hatte er, wie Admiral Leahy, damals Botschafter in Vichy, in seinen Erinnerungen schreibt, unter dem Vorwand der Überwachung der Lebensmittelverteilung einen Konsular-Apparat aufgebaut, von dem Pétain und Darlan wußten, daß er unter der Nase der Deutschen eine Spionage-Organisation war. Mit General Weygand besuchte der irischstämmige katholische Murphy aus Milwaukee in Algier täglich die Frühmesse. Für die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militär hatte er den alten General Giraud ausersehen, der die Feinde Deutschlands durch seine kühne Flucht aus der Festung Königstein begeistert hatte.

Das klingt alles sehr abenteuerlich. Aber der achtundfünfzigjährige Eisenbahnersohn, der sich langsam auf verschiedenen europäischen Konsulaten heraufgedient hat, bis das Wohlwollen Botschafter Bullitts ihm zum schnelleren Aufstieg verhalf, wirkt durchaus unabenteuerlich. „Liebenswürdig, freundlich, außerordentlich scharfsinnig“, nannte ihn Eisenhower; „weltmännisch, gutmütig, leicht lachend“, schrieb „Stars and Stripes“. Leahy lobte seine geschulte Beobachtungsgabe. „Time“ glaubte zur Zeit des Ringens zwischen Giraud und de Gaulle, Murphy habe „Washington und vielleicht auch sich selbst geflissentlich über die wahre Stärke des Gaullismus getäuscht“ und meinte, seine Zuneigung gehöre den „Best People“ und nicht einfach den „People“. Die Linksradikalen und New Dealer Amerikas aber verabscheuten ihn als Erzreaktionär und Faschistenfreund, weil er den Pakt mit Darlan eingeleitet und sich mit Laval gut gestanden hatte.

Nach 1945 war Murphy als politischer Ratgeber Eisenhowers, MacNarneys und Clays bei allen entscheidenden Begegnungen zwischen Amerikanern und Russen zugegen, nachdem er schon seit Oktober 1943 mit MacMillan und Wyschinskij über den Mittelmeerraum Beschlüsse vorbereitet hatte. Am 5. Juni 1945 waren er und Eisenhower die Gäste Schukows in Berlin, als der Kontrollrat für Deutschland gegründet wurde; ein Jahr später brachte er die Kunde über die russischen Uranfunde in der Sowjetzone nach Washington; 1947 stützte sich Marshall in Moskau vor allem auf den Rat dieses Mannes, der über alle Streitfragen mit den Russen als „bestinformiert“ galt; und zu Beginn der Berliner Blockade ließ sich Truman von Clay und ihm die Lage, erklären. Murphy hat jedoch nicht nur auf der alliierten Ebene starken Einfluß auf Deutschlands Schicksal ausgeübt, ohne daß die Deutschen viel davon gemerkt hätten. Als es 1949 Schwierigkeiten in bezug auf die zu schaffende westdeutsche Verfassung gab, flog er von Washington nach Bonn, um Schumacher und die SPD zu bewegen, ihre Einwände fallen zu lassen. Und als Zweifel laut wurden, ob nicht die Aussicht auf ein geeintes Deutschland auch für die Westdeutschen „zu verführerisch“ sein könnte, erklärte. sich Murphy überzeugt, daß man mit Westdeutschland keinen Ärger haben werde: es werde bei der Stange bleiben.

Der Ferne Osten ist für Murphy Neuland. Doch mit seiner brillanten Gabe, selbständig-abhängige Völker bei der Stange zu halten, die den Wünschen des State Department entspricht, wird er sich gewiß auch in Tokio schnell in seinem Element fühlen. -ri.