Am 24. April beginnen die Filmfestspiele 1952 in Cannes. Einen Tag vorher fand in Bonn die erste feierliche Preisverteilung des deutschen Bundesfilmpreises statt. Es ist von der deutschen Filmindustrie sehr kritisiert worden, daß der Filmpreis für einen deutschen Spielfilm von der Jury nicht verteilt worden ist, da man, keinen Film des Jahres 1951 für würdig befand. Man argumentierte so: Die Nichtverleihung hat eine Herabsetzung des deutschen Filmprestiges im Ausland zur Folge, und man zitierte als Auslandsecho „Le Monde“, Paris: „Ein bemerkenswertes Eingeständnis der eigenen Schwäche ist die Tatsache, daß ein Gremium, bestehend aus Regierungsvertretern und Filmkritikern, in diesem Jahr nicht einen einzigen der neuen deutschen Filme für würdig befand, ausgezeichnet zu werden.“ Kein Zweifel ist, daß in vielen Ländern immer noch Erwartungen in den deutschen Film gesetzt werden, der es sich denn auch nicht nehmen ließ, auch in diesem Jahr in Cannes dabei zu sein. Aber reichen die ausgewählten deutschen Filme „Herz der Welt“ (Neue Deutsche Filmgesellschaft), „Das letzte Rezept“ (Meteor-Fama-Film) und „Die Stimme des Andern“ (Real-Film) aus, Deutschland zu repräsentieren?

In Cannes werden die Spitzenfilme der ganzen Welt gezeigt. Im vorigen Jahr schrieb eine angesehene ausländische Zeitschrift über die deutschen Filme den lapidaren Satz: ‚Sie konnten sich mit ihrem dichterisch-philosophischen Symbolismus weder bei der Jury noch beim Publikum durchsetzen.‘ Selbst auf die Gefahr hin, daß man in Cannes über die deutschen Filme in diesem Jahr ein positiveres Urteil fällt, bleibt uns nur festzustellen: Die ausgewählten Filme sind zwar typisch für das heutige deutsche Filmschaffen, aber weder sind sie einer internationalen Konkurrenz gewachsen, noch reichen sie an die früheren deutschen Werke heran, von deren Ruf im Ausland der deutsche Film heute noch zehrt. Zwar sind sie brav nach dem Beispiel von gestern gemacht, aber kann das heute noch genügen?

Das „Herz der Welt“ wird zwar durch seinen Friedensappell die Aufmerksamkeit auf sich lenken, aber dieser Film aus dem Leben Alfred Nobels und Bertha von Suttners (siehe „Die Zeit“ vom 6. März) ist in seiner Machart ganz alte Schule und ist rührselig, statt aufzurütteln. Auch „Das letzte Rezept“, der Film von der morphiumsüchtigen Tänzerin – mit Salzburg und dem Festspiel „Jedermann“ im Hintergrund – ist bürgerlich wie vor 25 Jahren, angefangen von der Gesamtausstattung mit antiken Möbeln bis zu der oft erprobten Mischung vom glücklichen Paar und Mutterglück, Theaterluft und Polizei. Der dritte Film „Die Stimme des Andern“ zwar ist insoweit avantgardistisch zu nennen, als ein Magnetophonband zum ersten Male eine Hauptrolle spielt, aber man ist mehrfach versucht, diese halbkriminelle Geschichte, die in den beim Film so beliebten Künstlerkreisen spielt, als Schlüsselroman für die heutige Filmatmosphäre zu nehmen. Es gibt Stellen in diesem Film, da er einen Bühnenautor zeigt, der ohne einen Pfennig Geld ist, „weil es heutzutage den Künstlern so schlecht geht“. Hört man aber Sätze aus dem Munde dieses Autors, sieht man ihn handeln, so ist es klar und deutlich, daß alles Elend von der geistigen Armut herrührt. Sollte dieses Niveau etwa typisch sein? Etwa auch in Filmkreisen?

Typisch für uns werden wahrscheinlich die internationalen Zuschauer in Cannes diese Filme finden: liebenswert in der Ausmalung der deutschen Gemütlichkeit, der Gefühlsbetonung. Aber immer sind wir in der Gefahr, tiefgründig zu schürfen, wo nichts zu schürfen ist, umständlich und überdeutlich zu sein und verkrampft.

Unsere Stärke sind diesmal neben der handwerklichen Qualität die schauspielerischen Leistungen. Hilde Krahl (etwas überpointierend) in „Herz der Welt“ oder die Tänzerin und Filmdebütantin Sybil Werden, René Deltgen (als Polizeiarzt), Heidemarie Hatheyer und Hilde Körber in „Das letzte Rezept“ und Karl Heinz Schroth (sehr selbstverständlich als Theaterdirektor), wieder René Deltgen als Polizeimann und der Franzose Michel Auclair (bekannt aus den Filmen „Manon“ und „Die Verdammten“), der als junger Musiker in „Die Stimme des Andern“ überragt.

Die Jury in Cannes hat im vorigen Jahr den „intellektuellen, phantastischen oder psychologischen Spielereien und den propagandistischen, moralisierenden oder politisierenden Traktaten“ die Filme vorgezogen, die menschliche Wärme (aber keinen Gefühlskitsch) und Glauben an das Leben ausstrahlten. Ob ein Film uns aber weinen oder lachen macht – stets muß dies mit legitimen filmischen Mitteln geschehen. Die Wahrheit der Aussage also – sie muß man auch von jedem Unterhaltungsfilm verlangen. Die deutschen Filme für Cannes begnügen sich mit Halbwahrheiten.

EM