Wilhelm Kempff: Unter dem Zimbelstern. (Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart, 282 S., Leinen 14,80 DM.)

Der berühmte Pianist, auch als Komponist betont konservativer Haltung mehrfach hervorgetreten, hat hier die Geschichte seiner Kindheit und seiner Jugend niedergeschrieben. Um es vorweg zu sagen: für den Leser, der mit wachen Augen liest und der ein empfindliches Nervensystem besitzt, das in und zwischen den Zeilen die echten wie die unechten Töne wahrnimmt, ist es kein erfreuliches Buch. Wäre es als Erinnerungsbuch für den Familiengebrauch gedacht gewesen – schön; über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Aber vor der Öffentlichkeit wirkt es penetrant. Da wird jene schon in gewissen Bach-Biographien bis zum Überdruß apostrophierte Atmosphäre des teutschen Kantorenheims in allzu selbstgefälliger Breite ausgemalt. Da ist alles so bieder, so fromm, so edel und tüchtig, und alles wird musikalisch „verklärt“; kein noch so alltäglicher Vorgang, der nicht mit einem Choralvorspiel gefeiert würde. Und inmitten des Ganzen dieses ach so hochbegabte Kind! Das liest man allenthalben heraus aus dem Wust idyllischer Bio-Poetik. Es ist natürlich nirgends so geradeheraus gesagt. Denn den Tenor des Buches macht jene eitle Variante der Bescheidenheit, die, indem sie das Licht der eigenen Bedeutung stets so geschickt unter den Scheffel stellt, daß es um so greller durch die sorgfältig vorgesehenen Ritzen leuchtet, fortwährend gerührte Bewunderung für soviel schlichte Größe heischt. Dahin gehört auch die Art, von sich selbst in dritter Person zu reden: bei der Kommißzeit als „Simplicius“, bei den ersten öffentlichen Konzerten als „der Spielmann“. Peinlich und peinigend zu, lesen. Aber es scheint, die deutschen Musikromanleser lieben so etwas. A–th