Die Hoffnungen, die nach der Moskauer Wirtschaftskonferenz in einigen europäischen Ländern, ganz besonders in England, auf den Handel mit dem Osten gesetzt werden, ermangeln, vor allem der statistischen Fundierung. Geschäftsleute werden leicht geneigt sein, aus der großen Bevölkerungszahl des Ostblocks, besonders wenn man China hinzurechnet, auf einen unerschöpflichen Importbedarf zu schließen, der jährlich in die Milliarden Dollar gehen könnte. Daß dieser Bedarf vorhanden ist, steht außer Zweifel, aber ebenso außer Zweifel steht, daß der Ostblock solche Importe nicht bezahlen kann. Er gibt auch zu wenig Anhaltspunkte dafür, was er kann und was er nicht kann, denn er veröffentlicht keine Statistiken, weder über die Produktion noch über seinen Außenhandel.

Offenbar hat man diesen Mangel in Moskau selbst empfunden, denn der Chef der Sowjetischen Handelskammer, Nestorow, machte auf der Wirtschaftskonferenz doch einige Andeutungen über die Handelsstatistik des Ostblocks. Danach hat die Sowjetunion, wahrscheinlich nicht zuletzt unter dem Druck der stärker werdenden Embargopolitik des Westens, in den letzten Jahren einen Integrationsprozeß im Osthandel durchgeführt. 1948 hatte sie einen Handel von 6 Milliarden Rubel mit ihrem Block und von 5 Milliarden Rubel mit anderen Nationen, 1949 bereits 8 Milliarden Rubel mit ihrem Block und 4 Milliarden mit anderen, 1951 aber 15 Milliarden mit dem Sowjetblock und 3 Milliarden mit anderen. (Die Zahlen entstehen aus der Addition von Einfuhr und Ausfuhr.) Das würde heißen, daß die Sowjetunion 1951 für etwa 9 Milliarden Rubel import- und exportfähig war. Was ist aber der Rubel wert? Zu welchen Preisen wickelte sich, dieser Handel ab?

Offizieller Kurs des Rubels ist 1,05 DM; allein wenn ein Kilo Butter zu diesem Kurs in der Sowjetunion über 30 DM und ein Paar Schuhe an die 100 DM kosten, dann besteht Anlaß, die erwähnten 9 Milliarden Rubel nicht nach dem amtlichen Kurs mit 2,25 Milliarden Dollar, sondern eher nur mit etwa 700 Millionen Dollar umzurechnen. Diese Zahl hat auch mehr Wahrscheinlichkeit im Vergleich zum sowjetischen Vorkriegshandel. In den 30er Jahren hatte die Sowjetunion gewöhnlich einen Import von 200 bis 300 Millionen Dollar im Jahr, also weniger als ein so kleiner Staat wie die Tschechoslowakei und halb soviel wie die Schweiz. Berücksichtigt man den seitherigen Rückgang der Dollarkaufkraft um die Hälfte, dann könnte das Importvolumen heute mit 700 Millionen Dollar (von der jetzigen Kaufkraft) etwa der Warenmenge nach gleichgeblieben sein. So schrumpfen, bei genauerer Betrachtung, die Milliardenchancen wieder dahin, die den Besuchern der Moskauer Wirtschaftskonferenz vorgezeigt worden waren.

Was für die Sowjetunion gilt, das wird vermutlich auch für die Satelliten gelten. Von diesen war die Tschechoslowakei, die der einzige eigentliche Industriestaat im Ostblock ist, vor dem Kriege ein wichtiges Außenhandelsland, mit einem Import von etwa 300 bis 400 Millionen Dollar jährlich. Doch ist ihre Produktionskapazität durch die Austreibung von drei Millionen Sudetendeutschen, die gerade den größten Teil der Industriearbeiterschaft stellten, nach dem Kriege gesunken, und damit auch die Konsumkraft, die überdies seit 1948 durch die Einführung kommunistischer Wirtschaftsmethoden noch weiter gelitten hat. Wohl könnte die Tschechoslowakei auch heute noch Importe durch Export bezahlen, aber ihre Industriekapazität ist durch die Anforderungen der anderen Satelliten, die alle nach Kapitalgütern schreien,, bereits überbelastet. Wie sollte sie da Industriewaren nach dem Westen liefern können? Sie könnte es nur, wenn es gelänge, dafür Engpaßrohstoffe einzutauschen oder Maschinen und Apparate, die der Ostblock überhaupt nicht herstellen kann. Diese aber kann der Westen nicht liefern, will er nicht in erster Linie das Kriegspotential des Ostens stärken.

Die anderen europäischen Satelliten sind ganz vornehmlich Agrar- und Rohstoffländer. In ihnen ist jedoch durch die kommunistische Mißwirtschaft die Produktion derart zurückgegangen, daß sie zur Ausfuhr von Lebensmitteln im großen Stil unfähig sind. Rumänischen und ungarischen Weizen oder Vieh nach dem Westen exportieren, das hieße die knappen Lebensmittelrationen der Bevölkerung noch weiter kürzen. Die Regierungen dieser Länder würden das zwar zweifellos tun, wenn sie dafür Kapitalgüter, besonders für die Aufrüstung, erhalten könnten. Ganz gewiß aber nicht, um in großem Stil Verbrauchsgüter einzutauschen, die für die Bevölkerung immerhin weniger wichtig sind als Nahrungsmittel.

Infolgedessen können höchstens einzelne Geschäfte, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Moskauer Wirtschaftskonferenz, zustande kommen, aber nicht ein regelmäßiger, großer Warenaustausch. Soll der in Gang gebracht werden, dann müßte der Sowjetblock zuerst seine ganze Wirtschaftspolitik ändern, er müßte Konsumgüter einführen, um seine Bauern zu einer Steigerung der Produktion zu bewegen, die dann wieder die Exportgüter erbringen könnte, um die importierten Konsumgüter zu bezahlen. Solange aber nur Kapitalgüter importiert werden sollen, um die überall notleidenden Fünfjahrespläne und die Rüstung zu fördern, besteht für keines der Satellitenländer die Möglichkeit, exportfähig zu werden, das heißt überhaupt die Fähigkeit zu erlangen, Außenhandel zu treiben. Und insofern waren die Erklärungen von Herrn Nestorow nur Redensarten, darüber sollte man sich im Westen nicht täuschen. Gerade seine statistischen Andeutungen beweisen es.

Das heißt nicht, daß man dem Osthandel überhaupt aus dem Wege gehen sollte. Wenn Ostländer Konsumgüter zu kaufen wünschen, dann sollte man sie ihnen liefern, vorausgesetzt, daß sie konkrete Sicherungen für die Lieferung des Gegenwerts zu stellen vermögen. Auch bei deren Beurteilung ist allerdings Vorsicht am Platze. Nicht so sehr bei der Sowjetunion, die eine gewisse Tradition in der Pünktlichkeit hat, ihre Handelsverpflichtungen zu erfüllen. Aber bei den Satelliten. Das zeigt der Fall Österreichs, das mit diesen Ländern zum Teil schlechte Erfahrungen gemacht hat. H. A.