Soviel ist wohl sicher, daß in einer Situation, wie sie heute für Deutschland (und für ganz Westeuropa) vorliegt, ein weiteres Ansteigen des Lebensstandards und speziell ein Mehr an sozialer Sicherheit nur allmählich erreicht werden kann, im Gleichschritt zu wachsender Produktion und gesteigerter Leistungsintensität: was geduldiges Zuwarten erfordert, bis die Früchte der betrieblichen Rationalisierung und der gesamtwirtschaftlichen Normalisierung heranreifen, bis die Investitionen in den Engpaßbereichen der Wirtschaft eine allgemeine Umsatzausweitung erlauben. Mit Gewaltkuren ist da also nichts auszurichen – was sich wohl auch die Gewerkschaftsführung sagen lassen muß, angesichts ihrer plötzlich und recht unmotiviert vorgetragenen Förderung, daß „hier und nun“ der Übergang zur Vierzig-Stunden-Woche vollzogen werden müsse. Acht Stunden weniger Arbeitszeit aber bedeutet bei gleicher Stundenleistung und gleichem Wochenlohn, daß die Lohnkosten je Stück der Fertigung um 20 v. H. höher werden; dies wiederum bedeutet eine Verteuerung der industriellen und agrarischen Produktion, die mindestens 10 v. H. ausmachen muß, im Schnitt wohl noch erheblich mehr ... was, bei der starken Außenhandels-Abhängigkeit unserer Wirtschaft, ohne eine Abwertung der D-Mark gar nicht abgehen würde.

Und nun möge die Gewerkschaftsführung ihr Wirtschaftswissenschaftliches Institut in Köln fragen, wer bei einer solchen Entwicklung die Leidtragenden sein könnten, wer wohl die Zeche bezahlen müßte. Die „Sachwertbesitzer“ etwa, die „Kapitalisten“ –? Es gibt ja in deren Lager viele Leute, die kurzschlüssig genug denken, um ein „Heraufschreiben“ der Substanzwerte und Vorräte zu begrüßen (weil gleichzeitig die auf feste Summen lautenden Schulden und sonstigen Verpflichtungen – relativ – an Bedeutung verlieren würden), wobei sie freilich verabsäumen, sich hinlänglich klar zu machen, daß eine solche „Entschuldung“ und Verschiebung aller Wertrelationen ja zugleich die Kaufkraft wesentlicher Abnehmerkreise zerstören müßte. Also würden wir alle die Leidtragenden einer solchen klassenkämpferischen Parole sein, wenn sie durchgesetzt werden könnte; schon die Agitation, die unnütze und vermeidbare Unruhe schafft, bringt gesamtwirtschaftliche Nachteile.

Wer aber in erster Linie die Zeche bezahlen müßte, das sind die Empfänger der sozialen Hilfeleistungen – alle diejenigen, die unter dem Gesichtspunkte der sozialen Sicherheit heute schlecht und recht versorgt werden. Denn worauf beruht „soziale Sicherheit“? Doch nur darauf, daß alle, die in Arbeit und Erwerb stehen – alle, unterschiedslos – bereit sind, von dem finanziellen Ertrag ihrer Leistungen auch denen etwas abzugeben, die (sei es zeitweilig, sei es dauernd) nicht selber für sich und ihre Angehörigen sorgen können. Wer aber, bei gleicher Stundenleistung und gleichem Wochenlohn, ein Plus von 20 v. H. für sich herausrechnen möchte, dokumentiert mit dieser Forderung nur zu deutlich, daß er bloß den eigenen Vorteil – freilich nicht den wohlverstandenen eigenen Vorteil! – anstrebt, und daß ihm die soziale Sicherheit der anderen recht gleichgültig ist. Von echter Solidarität mit denen, die auf soziale Hilfeleistungen angewiesen sind, kann dabei wohl kaum noch die Rede sein. E. T.