In der Vorstellung gewisser Geschichtsunkundiger erstrecken sich Deutschlands Grenzwünsche von der Maas bis an die Memel und von der Etsch bis an den Belt. Als Quelle dieser geographischen Mär wird das Deutschlandlied herangezogen, das vor mehr als 100 Jahren entstand – 1841 nämlich! Wir wollen die Anhänger dieser Konzeption der Einfachheit halber die „41er“ nennen. Diese Biedermänner also begründen die Ablehnung unserer Nationalhymne mit dem Hinweis auf das geo-politische Programm, das sie enthalte und das den Frieden gefährde.

Wie wäre es, wenn wir Deutschen die Nationalhymnen der Franzosen und Engländer als Quelle für die Beurteilung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Bestrebungen heranzögen? Der erste Vers der englischen Nationalhymne, gilt zwar auch heute noch. Aus ihm spricht die Treue zum angestammten Königshaus. Daß Gott die Königin behüten möge und daß sie recht lange leben möge – dieser Wunsch ist keine antiquierte Floskel. Das beweisen die gegenwärtigen Bestrebungen, die Lasten des königlichen Amtes zu verringern. Dagegen scheint der zweite Teil doch wohl auf eine schon weit zurückliegende Epoche hinzudeuten. Es wäre falsch, ihn zur Charakteristik moderner englischer Geisteshaltung heranzuziehen. Termini technici wie „confound their politics“ (Verwirre die Pläne des Feindes), „Scatter her enemies“ (Jage ihre Feinde in die Flucht) und „frustrate their knavish tricks“ (Vereitle die bübischen Anschläge des Feindes) würden im Munde eines braven Cockneys genauso anachronistisch klingen, wie bei uns das „brüderliche Zusammenhalten“ der gespaltenen Deutschen zur Phrase geworden ist, sofern es nicht als Mahnung verstanden werden kann.

Auch die zweite Hymne der Engländer („Britannia, Rule the Waves“) – kann lediglich als Beleg für einstige Wellenbeherrschung gelten. Nur böswillige Deutsche können so kasuistisch sein, daraus eine neo-imperialistische Tendenz unter den Inselbewohnern herzuleiten. Auch sind sie nicht mehr so grundsätzlich „gefürchtet und beneidet“ („the dread and envy of them all“). Nein, wenn wir diese Lieder hören, brauchen wir uns wirklich nicht zu beunruhigen.

Auch unsere Nachbarn, die Franzosen, meinen es gar nicht so schlimm, wenn sie uns über den Äther vor dem Schlafengehen statt „Guten Abend, gute Nacht“ zackige Kommandos wie „Allons enfants (Vorwärts Kinder) und „Aux armes, citoyens“ (Volk ans Gewehr!) melodisch zusingen. Über die französische Revolution sind wir in der Schule so gut unterrichtet worden, daß wir um die Zeitgebundenheit der Marseillaise wissen und daß wir uns durch eine Frage wie „Que veut cette horde d’esclaves (Was will diese Horde von Sklaven?) nicht angesprochen fühlen. Wir glauben auch nicht, daß wir mit den „Unreinen“ gemeint sind, deren „unreines Blut unseren Boden tränken“ soll (qu’un sang impur abreuve nos sillons). „Zittert, Tyrannen, und Ihr Treulosen, Abschaum, aller Parteien!“ singen sie. Doch niemand braucht heute vor den Franzosen zu zittern. „Formez les bataillons“ – „Formiert die Bataillone“ tangiert uns schon eher ...

Wenn wir den ausländischen und inländischen Einundvierzigern beweisen könnten, daß sich auch die historischen Voraussetzungen unserer Nationalhymne seit ihrer Entstehung in vieler Beziehung geändert haben, daß sie jetzt vielmehr zu verstehen wäre als Ausdruck der erstrebten „friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands“ – die „erklärte Politik“ der BR, der DDR und der vier Besatzungsmächte –, dann bliebe (unter anderem) auch der deutschen Olympia-Mannschaft die Peinlichkeit erspart, nach „elysischem“ Takt in das Stadion von Helsinki zu trippeln oder nach einer Marschbearbeitung der „Götterfunken“ hineinzumarschieren...

Karl Kowalewski