Der Baron von D., einer der berühmten Herrenreiter einer längst vergangenen Epoche, der als Flüchtling aus dem Osten nicht viel mehr als seinen baltischen Akzent herübergerettet hat, sagte: „In meiner Jugend hat man in Vollblutpferden Wesen aus einer anderen Welt gesehen.“ Ach, wie war er glücklich, als er vor einigen Monaten ein halbes Vollblutpferd geschenkt bekam! Da der Baron von D. als Trainer an der Bremer Rennbahn sich ebenso tapfer wie kümmerlich durchschlägt, mochte es sein, daß sein halber Vollblüter – hätte er ihn erst einem gründlichen, liebevollen Training unterzogen – das dringend benötigte Glück brächte.

Die andere Hälfte gehörte-der Züchterin des Pferdes, und man muß hinzufügen, daß es heute nichts Ungewöhnliches ist, wenn sich zwei von der „Passion“ Besessene in den Besitz eines Vollblüters teilen. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt: Das Pferd heißt Arion; seine Mutter heißt Arigele; Pferdekenner und Menschen, die in den Büros der Buchmacher sitzen, wissen von diesem Namen, wenn sie vielleicht auch nicht wissen, daß Arigele durch siegreiche Rennen, ihrer Besitzerin 60 000 Mark – leider waren es R-Mark – einbrachte. Der Vater Arions heißt Wahnfried. Kein Wort weiter! Wer je auf einem Rennplatz war und kennt den Namen Wahnfried nicht, dem ist nicht zu helfen. Herr Kunze zum Beispiel kannte die Namen beider Eltern, und so wußte er auch, wer Arion ist: Produkt eines Blutstromes, der geradewegs und ohne Trübung auf jene englischen Pferde arabischer Herkunft zurückgeht, die diese Rasse der Vollblüter ins Leben riefen. Man soll nicht Mensch und Tier vergleichen, denn grundsätzlich: der Mensch ist ein edleres Geschöpf als selbst das edelste Tier. Deshalb ist’s nicht als Vergleich gemeint, wenn hier gesagt wird: von Kunze weiß man nichts; vielleicht, daß er nicht existiert...

Und doch las man, eines Tages ein Inserat: „Kaufe Vollblutpferde. Kunze...“ Das war just in dem Moment, da die Besitzer beider Arion-Hälften einander eingestanden, die Last ihrer Flüchtlings-Passion sei größer, als daß die Pferde-Passion noch tragbar sei. Und sie kamen – nicht leichten Herzens – überein, das Pferd an Herrn Kunze zu verkaufen, obwohl sie wußten, daß sie nicht einmal ein Viertel dessen erhalten würden, was Arions Entstehung und Aufzucht gekostet hatten; denn die Natur, die Hafer, Gras und Heu produziert, tut nichts umsonst, und erst recht tut nichts umsonst ein so berühmter Hengst wie Wahnfried. Er hatte es außerdem recht spät getan, denn Arion wurde nicht Anfang des Jahres, sondern erst im Juni geboren. Und das ist deshalb sein Schaden, weil Rennpferde – nach einer internationalen Übereinkunft – alle als Januar-Geborene gelten: man zählt nur Jahre, nicht Monate, so daß man Arion heute als einen Zweijährigen nennt, obwohl er doch erst einundhalbjährig ist, noch unschuldsvoll, unbelastet von Sattel und Reiter, in seinem Innern eher einem sanften Lamm ähnlich als einem „feurigen Kämpfer auf grüner Bahn“.

Die Züchterin war es, die an Kunze schrieb, und dieser erwiderte folgendes, wobei seine „Rechtschreibung“ nur um der authentischen Wiedergabe willen beibehalten sei: „Ich will kommen, wenn es in bereich des möglichen liegt wegen die Preise, denn wenn Sie die Angebote und die Preise lesen könten, würden Sie staunen, denn sie wollen alle um jeden Preis die Pferde los sein, einen 3jährigen habe ich noch gekauft von bester Abstammung ein herrliches Pferdt, den Preis glauben Sie doch nicht, ich bringe es schriftlich mit. Sechshundert Mark ... Wie groß ist er? es wird dadurch das er dieses Jahr noch nicht laufen kann, ein sehr teures Rennpferdt 8 Mk Training pro Tag... Pferde gibt es sehr fiele und sehr billich es wird alles bar bezahlt. Mit Sportgruß Kunze.“

Weg mit den Illusionen! Man einigte sich brieflich und telegraphisch. „Soll gekauft sein“, telegraphierte Kunze. „Rückantwort mit Kaufbestätigung sofort senden“, telegraphierte er, und dies geschah. „Erwarte Transporteur nach Überweisung“, drahtete die Züchterin an Herrn Kunze. Von alledem ahnte Arion nichts und sprang lämmchensanft, wie Vollblutpferde im Gegensatz zur Volksmeinung nun einmal sind, auf der Frühlingsweide. Inzwischen aber erhielt Baron B., der Mitbesitzer, folgendes Angebot: „Kann Ihnen anbieten... einen zweijährigen Hengst von Wahnfried, seine Mutter hat sehr gute Rennen gewonnen, noch nicht im Training gewesen, Preis nur 2200 M... Mit Sportgruß R. Siewers.“ – Natürlich, daß die Besitzer beider Arion-Hälften diesen Fall miteinander besprachen. Sie verglichen die Briefe der Sportler Siewers und Kunze. Dieselbe Handschrift, dieselbe Adresse: Braunschweig, Stolzestraße. Die Züchterin sandte Herrn „Kunze“ einen Einschreibebrief. Am „Einschreiben“ lag’s: Der Brief kam zurück mit der postalischen Bemerkung: „Empfänger verzogen nach Ostzone. Nähere Anschrift nicht bekannt.“

Ein Fall moderner Schizophrenie – das ist hier die Pointe, nicht so sehr der Fall, daß einem Halbbesitzer das eigene Pferd angeboten wurde. Herr Siewers läßt im Verkehr mit Flüchtlingen den Eisernen Vorhang herab, wenn es ihm paßt, und Arion, der Ahnungslose, springt – auf der Weide. Wenn das sein Vater wüßte! J. M.