Die Wirtschafts- und Finanzminister aller Länder haben sich daran gewöhnt, im Außenhandel einen Zauberstab zu erblicken, der Defizite in Wohlstand verwandelt und soziale Sicherheit mit Vollbeschäftigung herbeiführt. Weil nun die am Außenhandel beteiligten Firmen sich zwar durch das Vertrauen geehrt, sich aber nicht unbedingt zur Zauberei befähigt fühlen, hat man viele Gesetze und Behörden geschaffen, die das Wunder hoher Gewinne ohne Einsatz auf dem Verordnungswege bewirken sollen. Nun stehen denjenigen, die aus eigenem Interesse mehr Außenhandel betreiben wollen, außer den üblichen Wettbewerbs- und Konjunkturrisiken noch die Barrieren der in- und ausländischen Bürokratie entgegen: nicht nur Beschränkungen der Handelstätigkeit und ihre Komplizierung ergaben sich daraus, sondern man versagt z. B. in der Bundesrepublick dem Ex- und Importeur heute buchstäblich die Mittel zum Einsatz Und belastet ihn mit Steuern für Gewinne, die er nicht gemacht, mit der Bezahlung von Verlusten, die er selbst erlitten, mit Zinsen für Kredite, die er im Interesse der gesamten Außenwirtschaft aufnimmt, und mit Kosten, die nicht gerechtfertigt sind.

Ziehen diese Verhältnisse auch das gesamte Gebiet der Außenwirtschaft in Mitleidenschaft, so stehen im engeren Sinne die Handelshäuser geradezu vor einer Existenzkrise, die nichts mehr mit „Auslese“ zu tun hat. Wenn irgendwo, findet das Prinzip der Auslese im fairen Wettbewerb gerade in deutschen Außenhandelskreisen seine eifrigsten Anhänger. Es geht darum, daß manche behördliche Maßnahmen, die ohne Kenntnis und Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse im Außenhandel getroffen wurden, die Existenz des selbständigen, auf eigenes Risiko handelnden Übersee-Kaufmannes gefährdet. Das heißt, daß Import und Export in die Hände ausländischer Firmen kämen, die den deutschen, steuerlichen, finanzpolitischen und behördlichen Belastungen ja nicht im gleichen Maße unterliegen. Somit würden die Handelsspannen und in vielen Fällen auch die Be- oder Verarbeitung von Rohstoffen (in Devisen) ins Ausland abwandern – wie schon vorher Transit-, Switch- und Kompensationsgeschäfte, Osthandel und internationale Finanzierungsgeschäfte.

Im einzelnen ist z. B. nicht in Erfahrung zu bringen, welche zuständige Stellen sich nun, wenn überhaupt, mit den Anträgen für Auslandsniederlassungen befassen, ob sie überhaupt im Bereich deutscher Behörden liegen oder nicht. Die Verschärfungen von Handelsbeschränkungen besonders im Bereich des Sterlingblocks (vom Francblock ganz zu schweigen) liefert den britischen Behörden den erwünschten Vorwand zur Verweigerung von Einreisevisen an deutsche Kaufleute, und es bestehen kaum Zweifel darüber, daß heute das Prinzip British“ (oder entsprechender Nationalismen) gewaltigen Auftrieb erfährt.

Nach britischer Auslegung ist die Bundesrepublik wieder als Hartwährungsland eingestuft, was als Lob unserer Währung gelten kann, aber unseren Umsatz mit dem Sterlingblock dezimiert. Da die Deutsche Mark weder Golddeckung hat, noch internationales Zahlungsmittel oder in Dollar konvertierbar ist, beruht die britische Einstufung auf der Ansicht, daß der Anschluß Deutschlands an den Sterlingblock manche Zahlungsprobleme vereinfachen könnte. Wenn heute die Nöte zwangsgelenkter Produktionen, rationierter Handelsvolumen und zweiseitiger Handelsabkommen wieder aktuell werden, so würde doch der Abbau der Zahlungsgrenzen zum größten Verrechnungsblock einen Fortschritt auch zur Liberalisierung hin bedeuten können. Falls sich aus der Abstimmung britisch-deutscher Handelsinteressen im Rahmen des Sterlingblocks eine fruchtbare Ergänzungswirtschaft ergäbe, so würde sich auch die Schuldenregelung besser durchführen lassen.

Ohne Frage steht die von den Auslandsgläubigern benannte Schuldenlast in keinem Verhältnis zur Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, Die grundsätzliche Anerkennung berechtigter Forderungen muß billigerweise die Anrechnung enteigneter deutscher Vorkriegswerte im Ausland einbeziehen, und soweit sich einzelne Nationen dem Völkerrecht entziehen, darf das jedenfalls keinen Einfluß auf die innerdeutsche Anrechnung zwischen Staat und Privatwirtschaft haben. Wenn nicht die Bundesrepublik in das Fahrwasser der Weimarer Reparationspolitik geraten will, kann das nur durch ein Schuldenmoratorium geschehen, oder durch eine der Zinslast entsprechenden Ausweitung von Produktion und Export, wofür ein vernünftiger Anreiz und taugliche Mittel und Verhältnisse geschaffen werden messen. Hinsichtlich der Anrechnungsprobleme sind im Lastenausgleich nun einige Fortschritte in Sicht, wonach. Kriegs- und Kriegsfolgeschäden wenigstens teilweise berücksichtigt werden, wenn die Belastungen auch nur zu einem Drittel abzugsfähig sein sollen.

Dabei muß der Handel natürlich seinen laufenden Steuerverpflichtungen nachkommen, die sich gegenwärtig aus den Veranlagungen der Einkommen-, Körperschaft- und Gewerbesteuern für die Jahre 1950 und 1951, aus den Vorauszahlungen für das laufende Jahr, aus der Erhöhung des Notopfers Berlin und ganz zu schweigen von der Umsatzsteuer, von Soforthilfe und Investitionshilfe. Die Veranlagungen spielen sich auf dem Hintergrund der Korea-Konjunktur und auf dem Boden der heutigen Baisse ab. Nun befaßt sich der Importhandel praktisch nur mit konjunkturempfindlichen Rohstoffen, die also – im Unterschied etwa zur verarbeitenden Industrie – seinen gesamten Umsatz und Warenbestand (ohne Abschreibungsmöglichkeiten) ausmachen. So wurde ihm ein hoher Prozentsatz der Wertsteigerungen bei Rohstoffen in den letzten 1 1/2 Jahren als Gewinn weggesteuert, während er die Verluste aus den Preisstürzen der letzten 6 Monate „privat“ tragen muß. Denn um die Versorgung laufend zu sichern, muß der Importeur auch zu ungünstigen Zeiten sich an den Ausschreibungen beteiligen, und er muß Warenbestände unterhalten, die er bei sinkenden Preisen – heute – nur unter Verlust verkauft, um liquide zu werden. Freilich gibt ihm die gegenwärtige Baisse auch wieder günstige Gelegenheiten zum Einkauf.

Es ist einigermaßen unerfindlich, warum den „tragenden“ Institutionen des Außenhandels in keinem für die Handelstätigkeit wesentlichen. Punkt einige Erleichterungen verschafft worden sind. Wenn die Ministerien und Finanzinstitutionen auf den Außenhandel als „Lebensnotwendigkeit“ hinweisen, so liegt die Möglichkeit zu seiner Stärkung doch in der Hand von Gesetzgebung und Verwaltung. Da aber nicht vorausgesetzt werden kann, daß in den ausführenden Stellen der Ministerien und Verwaltungen des „Binnenlandes“ sich Fachleute des Außenhandels befinden, wäre zu wünschen, daß der Außenhandel eine Selbstverwaltung erhält, in der die Forderungen des Staates mit denen der Wirtschaft in Einklang und zur Durchführung gebracht werden. Wenn möglich, noch ehe die Baisse zur Krise geführt haben wird... E. O. Genzsch