Als die OEEC in Paris vor einiger Zeit beschloß, in den Empfangsländern der Marshall-Plan-Hilfe einen „Tag des Baumes“ einzuführen, hatte sie sicherlich kein schlechtes Gewissen. Sie wollte etwas Gutes erreichen‚ nämlich: die Menschen in Europa wieder daran erinnern, daß die Waldbestände ein materiellerund seelischer Lebensquell sind. Für uns in Deutschland wirkte der Pariser Beschluß aber wie eine bittere Ironie. Man kann nicht so leicht vergessen, daß vor allem Paris, aber auch London, eine rücksichtslose Wald- und Holzpolitik in ihren Besatzungsbereichen nach der Kapitulation getrieben hatten.

Insgesamt haben die Besatzungsmächte in direkten Operationen 18,21 Mill. Festmeter (fm) in deutschen Wäldern geschlagen. Dieser Einschlag geschah nicht etwa unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern er war, wie die blutenden Wunden überall zeigen, von fast barbarischer Skrupellosigkeit. Baumstümpfe in Meterhöhe blieben vielfach übrig. Der Waldboden wurde durch Witterungseinflüsse vor allem im Gebirge ausgewaschen und die Wiederaufforstung in den ersten Jahren nach dem Kriege stark erschwert. 436 000 Hektar (ha) Kahlflächen, fast 600 v. H. mehr als vertretbar, waren am 1. Oktober 1948 der Saldo dieser „Politik des Baumes“.

Die jüngsten Zahlen über die Wiederaufforstung der deutschen Wälder haben in der deutschen Öffentlichkeit vielfach den Eindruck erweckt, als wenn nun die Schäden der Besatzungshiebe und des eigenen überhöhten Einschlages – eine Sünde, die seit 1936 nun 15 Jahre lang anhält – im wesentlichen aufgeholt seien. Gewiß, die deutsche Forstwirtschaft hat mit der Wiederaufforstung von fast 240 000 ha Kahlfläche eine ungeheure Arbeit geleistet. Von den 436 000 ha Kahlschlägen am 1. 10. 1948 (6,4 v. H. der deutschen Waldfläche) sind noch etwa 190 000 ha oder 2,8 v. H. übriggeblieben, was immer noch das Dreifache des normalen Kahlbestandes ausmacht. Aber die kleinen Pflänzlein, die auf diesen Flächen stehen, sind zwar inbegriffen in der Waldfläche, jedoch noch kein Wald. Je nach Bepflanzungsart wird es 40 bis 200 Jahre dauern, ehe die Schäden voll ausgeglichen sind. Ein Vergleich der Holzbestände macht jenen Rückgang deutlich, der in den letzten 15 Jahren erzwungen wurde:

Im alten Preußen betrug der Holzbestand je ha Waldfläche rund 150 fm. Im Bundesgebiet liegt er heute bei etwa 93 fm. Die „Verdünnung“ der Wälder geht aus diesem Größenvergleich eindringlich hervor. Daß aus diesen 93 fm je ha vom deutschen Holzbedarf (jährlich 35 Mill. bis 40 Mill. fm) 21 Mill. bis 22 Mill. durch Eigenerzeugung gedeckt werden können, ist noch zu optimistisch gesehen. Denn auch diese Eigenerzeugung bedeutet noch eine Überhöhung des eigentlichen erlaubten Einschlages – auf 117 v. H. der normalen Nutzung.

Der Nutzungswert der Wälder ist nicht zuletzt wegen der Lichtung seiner besten Bestände stark zurückgegangen. Es wird Generationen dauern, bis diese Lücken wieder ausgefüllt sind. Der „Tag des Baumes ist also wie das Glöcklein einer Waldkapelle, das zwar wohlklingt, aber nicht weit reicht. Es bedarf viel mehr als eines äußeren Feiertages: es gehört eine nationale und eine europäische Haltung dazu. Für uns ist der Waldbesitz ein großer und nicht nur materieller Schatz, dessen Pflege eine Verpflichtung bedeutet. Rlt.