Von Giraudoux wird berichtet, er habe es besonders geliebt, nachts in einem Hotel in Blankenese zu schlafen und dann von den Sirenen der Dampfer geweckt zu werden, die drüben, an der anderen Seite der Elbe, am „Alten Land“ vorbeifuhren. In einem seiner Romane lobt er das „Alte Land“ selbst: es sei so „sauber“ dort, heißt es – so „holländisch“ – so „ruhig“.

Vom Himmel aus (in den er – und das ist für einen französischen Dichter gar nicht so selbstverständlich – sicher aufgenommen wurde), vom Himmel aus also, wird Giraudoux dieses Urteil über das Alte Land zurücknehmen müssen. Denn ist er je zur Zeit der Blüte ans andere Ufer der Elbe gefahren? Lebte er noch und hätte er’s heute, 1952 getan, dieser Anblick wär’ ihm nicht erspart geblieben: Drei Wagenkolonnen auf den engen Kopfsteinpflasterstraßen der Lühe; zwei Kolonnen vorwärts, eine zurück. Zwei Kolonnen, in denen Menschen sich immer noch bemühten, „Natur zu suchen“. Dieses „Natur suchen“ hatte etwas Tragisches an sich.

Jedermann in Norddeutschland weiß, daß das Alte Land im Frühling ein einziges Blütenmeer ist. Denn die Bauern dort leben von ihren Obstbäumen, und sie leben nicht schlecht davon. Was meistens ein Ausdruck poetischer Übertreibung ist – nämlich von einem „Meer von Blüten“ zu sprechen – hier wird’s nackte Wahrheit: denn das Alte Land ist im Frühling weiß und rosa; nur das Grün der Wiesen und das Braun der Strohdächer schimmert manchmal durch.

Vor ihren Häusern, unter den „Hochzeitsbögen“ (so nennt man die großen steinernen Eingangspforten mit den Tierköpfen und Runenzeichen) standen die Bewohner und ließen die Kavalkade der Autos an sich vorüberziehen. Vielleicht dachten sie daran, wie schön ruhig es noch vor vier Jahren bei ihnen war, denn bis zur Währungsreform war das Alte Land vom Frühling bis Herbst gesperrt. Man fürchtete, daß die Städter die Obstbäume plündern würden – obwohl im April noch gar keine Früchte reif sind.

Vielleicht hatten sie aber auch jenes Überlegenheitsgefühl, das alle Landbewohner beim Anblick städtischer Spaziergänger und -fahrer ergreift. Ich weiß, daß ich früher, als wir noch einen Hof am Rande des Industriegebietes besaßen, des Sonntags mit meinem Großvater am Fenster saß, während dieser Stolz langsam von uns beiden Besitz nahm: die Sonne schien, die Städter schwitzten in ihren Stadtanzügen und präsentierten sich uns als eine Mischung von Arroganz und Dummheit. Sie redeten laut von ihren Geschäften, unterbrachen sich nur ab und zu durch so lächerliche Ausrufe wie: ‚Ach, sieh doch mal, wie schön!‘ oder: Nein, das Kälbchen! Ist es nicht süß?’ Das Kälbchen war aber, wie ich von meinem. Großvater wußte, gar nicht ‚süß‘: zunächst einmal war es ein Stierkalb und keine Kuh, was seinen Wert schon beträchtlich herabsetzte, sodann war es mit Braun gefleckt, mein Großvater liebte aber nur die schwarz-weißen. Danach rissen die Städter meistens irgendein Gatter auf, das man nicht aufreißen durfte; die Pferde liefen ins Freie...

Zu solchen Albernheiten kamen die Städter im Alten Land nicht mehr. Die Karawane der Autos zwang jeden, in seinem Auto zu bleiben. Und die Fußgänger, die mit den Dampfern über die Elbe gekommen waren, hockten am Wegrand: ein Taschentuch vor dem Mund, um sich vor dem Staub zu schützen. Die Autobesitzer aber fuhren aufs Land und blieben doch in der Stadt: einige merkten es schnell (sie gehörten der Kolonne an, die als erste den Rückweg antrat), andere langsamer; aber als sie es erkannten, stellten sie ihre Radios an und hörten die Fußballreportage. Und dieser Lärm: das Gehupe, das krächzende Schalten, die Motore, die Musik, der Sportreporter – dieser Lärm ergab die Atmosphäre des Aufmarsches zu einer Massendemonstration. Die Demonstranten waren die Städter; demonstriert wurde: ihre sentimentale Liebe zur Natur. Laut. Einstimmig. Ohne Zögern.

Die Blüten im Alten Land haben die Dèmonstration überstanden. Als die Dämmerung kam, schlossen sie sich vor dem Wind an der Elbe. Es war der Wind, der später in der Dunkelheit die Stimme eines einfahrenden Dampfers herübertrug ans andere Ufer. Aber ob drüben in Blankenese ein Dichter davon erwachte wie damals vor vielen Jahren Giraudoux? Adrian Meierholt