Als schärfster und gewichtigster Gegner Malapartes ist Friedrich Sieburg hervorgetreten („Gegenwart“ vom 15. Oktober 1951). Seine Ausführungen über „Kaputt“, das gerade in deutscher Übersetzung erschienen war und die Nazi- und – Kriegszeit behandelt, berühren Grundfragen der schriftstellerischen Wirksamkeit in heutiger Zeit.

Hier einige Sätze aus der geharnischten Ablehnung, die Friedrich Sieburg dem Autor von „Kaputt“, Curzio Malaparte, zuteil werden ließ: „Daß dem italienischen Schriftsteller ein großes Talent und eine aufregende Persönlichkeit zu eigen sind, wird von niemandem ernstlich bestritten...“ Aber: „Es gibt Geister“ (Sieburg verweist auf Nietzsche und Hölderlein), „die auf eine geradezu schauerliche Art gegen das deutsche Wesen gewütet haben, und denen man sich stellen muß ... Soll man den ‚Hyperion‘ nicht mehr öffnen, weil er herzzerreißende Anklagen gegen unser Volk enthält? Man muß ihre Richtersprüche hinnehmen, weil sie in ihrem Kern Mehrer unserer Humanität sind... Ihren Verdammungen ist schon das Element der Erlösung beigemischt: das ist das Geheimnis ihrer hohen Kunst. Wo aber der Weltuntergang zu einer Art von journalistischem Jux wird, der sich an seinen eigenen Wirkungen und Reizen zu immer neuen Pointen steigert, da läuft selbst der Jüngste Tag Gefahr, sein Prestige zu verlieren.“

Das ist die Warte, von der aus Sieburg das Werk Malapartes beurteilt: diese „Mischung aus Blut, Parfüm und Pornographie“, diese „blumige Greuelprosa“, die „selbst das schlechteste Gewissen auch da nicht berührt, wo sie ein Stück Wahrheit enthält“. Sieburg fügt hinzu: „Die Neigung, Richter über sich zu dulden, ist in unserem Lande nicht gerade im Wachsen begriffen. Aber auch diejenigen, die mit ihrer Zeit und mit sich noch nicht im Reinen sind, müssen sagen: Wir wollen diesen Richter nicht, nein, nicht diesen!“ – Sieburg stellt dann fest, daß Malaparte einige psychologische Züge, die das deutsche Unglück ausmachen, mit Sicherheit getroffen habe. „Wenn er sagt, daß es die Angst vor dem Wehrlosen sei, die den Deutschen zu „wissenschaftlich grausamen Handlungen‘ verleitet habe, so ist das nicht völlig falsch. Völlig richtig wäre es allerdings erst, wenn er festgestellt hätte, daß die auf Menschenverachtung beruhende Grausamkeit überhaupt – und nicht nur bei den Deutschen – aus der Angst kommt. Es ist ein furchtbares Paradoxon unserer Epoche, daß nur die jenigen den Menschen verachten und ihn als Sache behandeln, die seinen göttlichen Kern fürchten. Das eigentliche Haßobjekt der Schinder ist die unauslöschliche Fähigkeit der Menschennatur, zu lieben und zu leiden.“ Der stärkste Satz Sieburgs gegen Malaparte aber ist wohl dieser: „Auf den Berg der Schmach“ (der SS-Welt) „häuft der blendende Stilist und Schilderer die zweideutigen Erzeugnisse seines Narzißmus und gibt damit nachträglich allen jenen Tyrannen recht, die jeden künstlerischen Menschen an die Kette legen wollen.“

In dem Augenblick, da Curzio Malaparte wieder die Verbindung zu den Deutschen aufgenommen hat und ihnen von neuen Plänen spricht – von denen wir hoffen wollen, daß sie einem echten Verständnis dienen werden –, ist es angebracht, ihn mit seinem schärfsten und gründlichsten Kritiker zu konfrontieren. Da dies hier geschehen, noch einige Worte über Sieburg, der zukünftig mehr als bisher zum Mitarbeiterkreis der „Zeit“ gehören wird. – Das, was er objektiv anerkennend über Malaparte sagte, trifft auf ihn selbst zu: großes Talent und aufregende Persönlichkeit, blendender Stilist und Schilderer. Bei alledem aber ein Schriftsteller, der die glänzenden künstlerischen Mittel, die ihm. zur Verfügung stehen, in den verantwortungsvollen Dienst an der Wahrheit stellt. – Sieburg wurde in Westfalen geboren; die „Frankfurter Zeitung“ schulte ihn und sandte ihn nach Paris, wo er jahrzehntelang als Korrespondent lebte und sein berühmt gewordenes Buch „Gott in Frankreich?“ schrieb –: „Unsere schönsten Jahre“, dies vorläufig letzte Buch aus Sieburgs Feder, ein ebenso wahres wie melodiöses und im Tiefsten versöhnliches Bekenntnis, erzählt davon. Die Leser der „Zeit“ wird es freuen, daß Friedrich Sieburg zukünftig regelmäßig in dieser unserer Wochenzeitung zu Wort kommen wird.

Josef Marein