Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Ende April

Zwischen der „Deutschen Demokratischen Republik“ und Polen ist seit den beiden Noten der Sowjetunion über die Wiedervereinigung Deutschlands eine Spannung entstanden. Zwar ist in beiden Noten, in der vom 10. März wie in der vom 9. April, die Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen Polen und Deutschland behauptet worden, aber die im Westen geäußerte Vermutung, Moskau könnte vielleicht gerade in dieser Frage mit Konzessionen aufwarten, hat die Unsicherheit des polnischen Nachbarn sichtlich verstärkt.

Jedes Gespräch über Deutschland macht die Warschauer Regierung unruhig. Die Art aber, in der die Sowjets jetzt Deutschlandpolitik treiben, hat sie sogar mißtrauisch gemacht. Sie hat zwar mit der Regierung Grotewohls mehrere Abmachungen getroffen, nach denen die Oder-Neiße-Linie eine „ewige Freundschaftsgrenze“ sein soll, vor einem wiedervereinigten Deutschland hat man in Warschau trotzdem Angst – es sei denn, dieses Deutschland sei ein sowjetisiertes, von Moskau aus okkupiertes Land. De Polen aber schreiben jetzt in ihren Zeitungen, daß in Deutschland nur die gegenwärtig die Sowjetzone regierende SED ihnen die augenblickliche Westgrenze garantieren würde ...

Unter diesen Zweifeln stand der soeben beendete „Monat der deutsch-polnischen Freundschaft“. Nicht wie im vorigen Jahr sind aus diesem Anlaß polnische Minister und hohe Funktionäre in die Sowjetzone gekommen, sondern lediglich ein paar unbekannte Professoren, Künstler und Aktivisten. Bis über die Mitte des Aprilmonats hinweg hatten sich die prominenten Funktionäre der SED völlig aus den Veranstaltungen herausgehalten, erst der sechzigste Geburtstag Boleslav Bieruts zwang sie, die Rednerpodien zu erklimmen. Ist es schon seit langem Grotewohls Amt, den Verzicht auf den Osten Deutschlands ideologisch klar zu machen, so hatte er diesmal die noch viel schwierigere Aufgabe, die Polen davon zu überzeugen, daß der Kurs der Sowjets auf Gesamtdeutschland trotzdem Schlesien, Pommern und Ostpreußen den Polen lassen würde. „Eine grundsätzliche, geschichtsbildende Völkerverschiebung“ nannte er dabei die Austreibung von zwölf Millionen Deutschen aus den Ostgebieten ...

Gewiß haben Grotewohl-Äußerungen wie „Wer die Oder-Neiße-Grenze in Frage stellt, beschwört den Krieg herauf“ für Polen immer noch einen Propagandawert. Aber es ist bezeichnend, daß sie in den polnischen Zeitungen kaum abgedruckt wurden. Auch die Demonstration, daß die Grotewohl-Funktionäre über der Enttrümmerungsstelle an der Frankfurter Allee in Berlin-Ost im „Deutsch-polnischen Monat“ Transparente anbringen ließen des Inhalts: „Das Warschauer Tempo geht dem Berliner voran“ – selbst diese propolnische Schmeichelei hat in Warschau nur ein erstaunlich geringes, vor allem aber skeptisches Echo gefunden.