an stelle sich vor, daß im Herbst 1941 eine gemeinsame sowjetisch-polnische Propaganda begonnen hätte, die unaufhörlich die Deutschen nach dem Verbleib solcher polnischen Offiziere ragte, die bei dem deutschen Vormarsch in der Smolensker Gegend in deutsche Hand gefallen ein sollten. Goebbels hätte Ausflüchte gemacht oder wäre auf die Idee verfallen, den Russen den Mord an den Gefangenen in die Schuhe zu schieben. Nehmen wir an, die Polen hätten aus Briefen nachweisen können, daß die Gefangenen noch bei Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am Leben waren und Moskau hätte genaue Namenslisten veröffentlicht. Zwei Jahre später hätte eine Untersuchung der Gräber von Katyn durch eine internationale Sachverständigenkommission eindeutige Beweise für das deutsche Falschspiel geiefert. Eine wirkungsvollere Brandmarkung des Gegners vor der Weltöffentlichkeit hätte sich kaum denken lassen.

Die Russen haben sich diese Gelegenheit entgehen lassen. Diese Feststellung muß gemacht werden, wenn man ihrer eigenen Argumentation folgt. Das Geständnis, das in diesem Versäumnis liegt, wiegt um so schwerer, als die polnischen Unterhändler mehrfach darauf aufmerksam machten, daß im April und Mai 1940 die Lager Starobielsk, Ostaschkow und Kozielsk geräumt worden waren und seitdem jede Verbindung der Insassen mit ihren Familien in Polen aufgehört hatte. Wyschinski, Molotow und Stalin beteuerten nacheinander, daß alle Polen freigelassen worden seien und versprachen Nachforschung. Die Polen warteten vergeblich. Als General Sikorski schließlich Stalin eine Liste mit 4000 Namen überreichte, bekam er die überraschende Auskunft, daß die Offiziere „entwichen“ seien, „vielleicht in die Mandschurei“. Von Gefangenenlagern, die der deutsche Vormarsch überrascht hatte, wußte Stalin nichts.

Erst der 13. April 1943. brachte die Wendung. Die Berliner Meldung über die Entdeckung der Gräber von Katyn ließ den Sowjets keine andere Wahl als den Spieß umzudrehen. In der Dialektik, die sie als Verwandlungskunst von Tatsachen und Begriffen verstanden, waren, sie geübt. Nach der Wiedereinnahme von Smolensk setzten sie eine nur aus Russen bestehende Untersuchungskommission ein, deren Bericht im Januar 1944 veröffentlicht wurde. Die kommunistische polnische Presse hat dieses acht Jahre alte Dokument wieder abgedruckt, aber es macht die sowjetische These nur verdächtiger. Die Erschießungen werden dem Stab des Baubataillons 537 unter Oberstleutnant Arnes (gemeint ist Arens) zur Last gelegt. Zum Mißbehagen der Russen aber hat sich der gleiche Arens in Nürnberg als Zeuge gemeldet und auch jetzt in Frankfurt vor dem amerikanischen Katyn-Ausschuß ausgesagt. Er ist erst nach Katyn gekommen, als nach sowjetischer Auffassung die Erschießungen schon vorgenommen wären.

Auffällig ist der Punkt, in dem die deutsche und sowjetische Darstellung übereinstimmen. In den Gräbern von Katyn befanden sich etwa 4500 Opfer. Goebbels rundete die Zahl auf 10 000 bis 12 000 ab. Wahrscheinlich hatte er gehört, daß 10 000 polnische Offiziere 1939 von den Russen gefangengenommen worden waren. Die sowjetische Kommission will 11 000 Leichen festgestellt haben. Sie hatte dafür ihren Grund. Denn nur die Insassen des Lagers Kozielsk waren in den Katyner Forst getrieben; die von Ostaschkow und Starobielsk dagegen waren in andere Gegenden überführt worden, aus denen sie nie wieder auftauchten. Indem die Sowjets sich die Goebbelsche Übertreibung zu eigen machten, entgingen sie weiteren unangenehmen Fragen.

Der sowjetische Kommissionsbericht spricht von einer „Direktive aus Berlin“: die antipolnische Politik habe damals eine besondere Verschärfung erfahren. Wenn das richtig wäre, so bliebe unklar, warum gerade jene Gefangenen liquidiert wurden, von denen anzunehmen war, daß sie sich in keiner freundlichen Stimmung gegenüber den Sowjets befanden. Sie hätten doch die Reihen der polnischen Nationalisten verstärken können, die nach kommunistischer Meinung mit den Westalliierten und sogar mit den Deutschen gegen die Sowjets konspirierten. Was man auch immer dem Hitler-Regime zutrauen mag –: es gibt keine genügende Motivierung für eine andersartige Behandlung polnischer Offiziere, die in Rußland angetroffen wurden, als ihrer Kameraden, die sich damals in Gefangenenlagern in Deutschland befanden.

Die Machthaber in Warschau befinden sich heute in der peinlichen Lage, vor – dem eigenen Volke die Moskauer Version vertreten zu müssen. Monatelang schwiegen sie zu den Verhandlungen in Washington. Erst als die Russen mit Gegenerklärungen hervortraten, mußten sie ihre Reserve aufgeben und sprachen von „niederträchtigen Verleumdungen“. Zur Ergänzung wurden in Polen einige %„Augenzeuglnberichte von Teilnehmern an deutschen Katyn-Führungen“ veröffentlicht, denen im wesentlichen die Hast und der Eifer der deutschenPropaganda aufgefallen sind. Es fehlt freilich der Bericht des Krakauer Rechtsanwalts Dr. Roman Martini, den die Warschauer Regierung vor Jahren mit einer Nachuntersuchung beauftragte. Er kam zu anderen Schlüssen, als seine Auftraggeber erwarteten und ermittelte sogar die Namen von sechs NKWD-Offizieren, die in Katyn die Erschießungen geleitet haben. Martini ist von zwei Jungkommunisten ermordet worden.

Den Bierut-Leuten wäre am wohlsten, wenn von Katyn keine Rede mehr wäre. Es leben im Lande noch zuviel Angehörige und Freunde der Erschossenen. Einem Polen zuzumuten, die sowjetische Darstellung von Katyn zu glauben, ist genau so, als wollte man von einem Deutschen erwarten, daß er heute noch die Goebbelsche Lesart des Reichstagsbrandes für wahr hielt. So erweist sich die dialektische Fähigkeit, aus Schwarz Weiß zu machen, mitunter als zweischneidige Waffe.

Harald Laeuen