Kunst kann ohne Mäzenatentum nicht gedeihen. Der Künstler muß innerhalb der menschlichen Gesellschaft Platz und Rang haben. Dazu aber muß es Menschen geben, die ihn brauchen, für sich selbst oder für Institutionen, denen sie vorstehen oder denen sie angehören. Diese menschliche Beziehung, diese Verantwortung, die der Auftraggeber für Kunst und Künstler fühlt, nennt man Mäzenatentum, im Gedenken an den großen römischen Kunstfreund Maecenas, der unter anderem den Vergil patronisierte. Aber ist ein solches lebendiges Verhältnis zwischen Kunstfreund und Künstler heute noch möglich? Oder ist Kunst zu einer unpersönlichen Ware geworden, die durch einen Dritten, den Kunsthändler, an Kunstfreunde vertrieben wird?

Durch zwei Ereignisse ist diese Frage bei uns aktuell geworden. Am 30. April beginnt in Düsseldorf die Kunstausstellung „Eisen und Stahl“, und am 5. Mai wird in der Hamburger Kunsthalle anläßlich der Tagung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in Gegenwart des Bundespräsidenten eine Ausstellung „Die Industrie als Kunstmäzen“ eröffnet werden.

Die Ausstellung „Eisen und Stahl“ wird von der Stadt Düsseldorf veranstaltet: Aus einer Verlosung stehen 100 000 DM, nach Abzug der Lotteriesteuer, für Ankäufe zur Verfügung. Ferner hat eine Reihe Vereine und Verbände der Eisen- und Stahlindustrie außer einem namhaften Betrag zur Finanzierung der Kunstausstellung noch 60 000 DM für Preise gestiftet, „um ihre kulturelle Tradition fortzusetzen“.

Die Hamburger Ausstellung, die von dem „Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie“ arrangiert worden ist, wird Bilder und Plastiken zeigen, die von Industriellen für öffentliche Sammlungen in der Bundesrepublik gestiftet worden sind. Diese Ausstellung ist also eine Art Rechenschaftsbericht.

Der „Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie“ ist noch nicht alt. Er hat sich am 17. August 1951 im Schloß Brühl konstituiert. Bei dieser Gelegenheit sagte Dr. Hermann Reusch, der die treibende Kraft bei der Gründung war, daß dieser Kulturkreis nicht etwa ins Leben träte, weil die Gewerkschaften seit mehreren Jahren sich in zunehmendem Maße kulturellen Aufgaben zuwendeten. „Die Probleme der Kultur“, so sagte er, „sollten nicht Objekt einer gegensätzlichen Diskussion der Organisationen sein, ebensowenig wie beispielsweise die Begriffe des Vaterlandes oder des Patriotismus.“ Vielleicht, um hierbei allen möglichen Mißverständnissen von vornherein zu begegnen, betonte Dr. Reusch ausdrücklich, daß der Kulturkreis es ablehne, Kulturpolitik zu treiben. Aber dies ist nun einmal nicht möglich. Echtes Mäzenatentum heißt ja eben, Kunstpolitik machen.

Ein Beispiel aus der Geschichte: Niemals hätte sich die florentinische und mit ihr die italienische Kunst im 15. Jahrhundert so erstaunlich schnell, ja geradezu stürmisch entwickeln können, wenn nicht die Mäzene aus der Bankiersfamilie der Medici die modernen unter den damaligen Künstlern bevorzugt, gefördert und bei allen Aufträgen herangezogen hätten. Daß damals mit diesen Tendenzen keineswegs alle Kreise einverstanden waren, bewiesen die Scheiterhaufen, auf denen nach dem Tode des Magnifico auf Veranlassung Savonarolas Bilder und Bücher öffentlich verbrannt wurden,

Es läuft nun einmal jede Beschäftigung mit der Kunst, sobald sie sich in der Öffentlichkeit abspielt, auf eine mehr oder minder intensive Kunstpolitik hinaus. Nehmen wir als ein Beispiel unserer Tage die Stadt Hannover. Für ihre Ausstellungen heutiger Kunst bedient sie sich zweier Vereine, der Kestner-Gesellschaft und des Kunstvereins. Lange Jahre hindurch waren beide Gegner in der Kunstpolitik. Die Kestner-Gesellschaft war avantgardistisch eingestellt, der Kunstverein, von hannoverschen Künstlern geleitet, vertrat die solide Kunst der älteren Richtung. Aber die Kestner-Gesellschaft hatte das stärkere Echo, sie hatte das Interesse der Jugend und eine gewisse Zustimmung und Unterstützung einiger für die Kunst eingenommener Industrieller. Und so siegte sie in dem Streit: Auf der diesjährigen Frühlingsausstellung des Kunstvereins waren nur noch Werke der heutigen Moderne zu sehen bis hin zu den Bildern und Plastiken der „abstrakten“, der gegenstandsfeindlichen Richtung. So haben sich in ihrer Art die Mitglieder der Kestner-Gesellschaft, unter ihnen auch die Studenten, die ihren ermäßigten Beitrag in Raten abstottern, als echte Mäzene erwiesen. Sie haben dazu beigetragen, Kunstpolitik zu treiben, und sie haben in Hannover die moderne Kunst durchgesetzt. Allerdings fehlt den meisten von ihnen das Geld, persönlich Künstler zu fördern durch Ankäufe oder Stipendien. Insofern sind ihrem Mäzenatentum Grenzen gesetzt. Aber wo ist dieses Geld heute sonst vorhanden?