Von Waller Fredericia

Der Himmel schickt uns gute Nahrungsmittel, der Teufel aber schlechte Köche.

Das Leben modernisiert sich in einem rasenden Tempo, von der Unterwäsche bis zur Weltanschauung, nur im Essen sind wir konservativ. Mancher kauft sich ein Auto, um schneller vom Geschäft zu Tisch zu gelangen, aber der Speisezettel am Mittagstisch scheint ewig derselbe zu bleiben, durch die Generationen. Manche junge Frau lernt mühsam die Gerichte kochen, die schon die Mutter ihres Mannes gekocht hat und deren einfachste ihm oft besser schmecken als die erlesensten angeheirateten Genüsse. Daher finden diejenigen, die auf eine Modernisierung der Ernährung ausgehen, in der breiten Zahl der Menschen einen ernsthaften, um nicht zu sagen: verbissenen Widerstand. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient ein Mann, der sich auf diesem Gebiete durchzusetzen beginnt. Wir meinen den amerikanischen Arzt und Kochbuchautor Gayelord Hauser, dem es gelungen ist, eine Art von Reformator der Küche, vielleicht sogar ein Revolutionär der Ernährung zu werden. Wenn er über den Atlantik nach Paris, nach London, in eine der deutschen Großstädte kommt, dann kann er auf ein breites und enragiertes Publikum rechnen. Es ist offenkundig das Interesse für die von ihm propagierte Reformation jetzt schnell im Wachsen, wenn auch noch im Anfang.

In Gayelord Hauser überwiegt natürlich der Arzt bei weitem den Kochbuchautor. Wer einfach nur „besser“ – das heißt schmackhafter – essen will, wird genug Kochbücher finden, namentlich französische, und nicht auf diesen amerikanischen Fruchtsaft-Apostel warten. Aber man kann nicht darüber hinwegsehen, daß, da sich das Leben im Technisierungsprozeß der letzten hundert Jahre geändert hat, offenbar an der Ernährung ebenfalls Veränderungen – Anpassungen – vorgenommen werden müssen. Die Belastungen, die dem Menschen auferlegt werden, sind ja fortwährend gewachsen. Es kommt dazu, daß er sich, infolge des sonstigen medizinischen Fortschritts, auf ein viel längeres Leben einzurichten hat als sein Vorfahr vor 100 und 150 Jahren, daß er aber die zwei Jahrzehnte, die seiner statistischen Lebenserwartung zugewachsen sind, natürlich gern in Gesundheit und ohne Altersbeschwerden verbringen möchte.

Von dieser mehr hygienischen Seite – und nicht von der feinschmeckerischen – kommt die Aufmerksamkeit, die Gayelord Hauser findet und die seinem kürzlich auch in deutscher Sprache erschienenen Kochbuch „Bleibe jung und lebe länger“ (Scherz und Govert Verlag, Stuttgart-Hamburg) vermutlich zu einer großen Auflage verhelfen wird. Eine bekömmliche Ernährung verhütet Krankheiten, erhält elastisch, konserviert die Schönheit der Frau und schmeckt ausgezeichnet, sagt er. Und dann stellt er ein paar einfache und einleuchtende Grundsätze auf, in denen die Frage des Vitaminhaushalts eine besondere Rolle spielt. „Wenn ihr die besten Teile der verwendeten Rohstoffe schalt, einsalzt, zu Tode kocht oder wegwerft, dann nährt ihr euren Abfalleimer. Beachtet ihr aber die moderne Kochweise, so erhaltet ihr die lebenspendenden Vitamine und Mineralstoffe.“

Der Grundsatz Nr. 1 bei der Zubereitung von Gemüse, das für Hauser eines der wichtigsten Nahrungsmittel ist, lautet daher: Man darf die äußeren Blätter und das Kraut der Wurzelarten (Karotten und so weiter) nicht wegwerfen, sondern man muß sie verwerten. Vor altem am besten braucht man für jedes Gericht eine – ständig in Vorrat gehaltene – Brühe aus Gemüse-Kochwasser, die „Hauser-Brühe“, die fast immer an Stelle von Wasser zum Kochen verwandt wird. Grundsatz Nr. 2 lautet: Kocht eure Speisen nicht zu lange! Die beste Methode ist immer die, welche die geringste Zeit erfordert. Grundsatz Nr. 3 ist: Verwendet kein raffiniertes Weißmehl und keinen raffinierten Zucker, statt seiner lieber Rohzucker, Sirup oder Honig. Hauser stützt seine Ernährung ganz besonders auf fünf „Wundernährmittel“: Bierhefe, Magermilch, Joghurt, Weizenkeime, Rohrzuckermelasse. Wer sich einen der elektrischen Mixer leisten kann, die neuerdings in erschwinglichere Preislagen heruntersteigen, hat es leicht, sich diese Wundermittel in Form von Getränken, Cocktails und dergleichen einzuverleiben. Aber das Hauser-Buch enthält zahllose Rezepte, dasselbe Ergebnis mit einer Kochkunst zu erreichen, die der traditionellen sehr gleicht, so daß nur der Koch, nicht aber der Esser seine Gewohnheiten ändern muß.

Gayelord Hauser ist der Leibarzt mancherHollywood-Stars, bei denen es sich, wie man weiß, in erster Linie darum handelt, schön und schlank zu sein. Man findet daher in seinem Buch viele Rezepte und ganze Diäten, die speziell auf diesen Zweck zielen, die also auch vielen gelegen kommen müssen, die nicht gerade Hollywood-Stars sind. Es handelt sich ja dabei nicht nur um den äußeren Effekt, sondern auch um Gesundheit und Wohlbefinden: „Der erste Faktor, der euch in eurer ‚Lebe-länger‘-Diät leiten sollte“, schreibt Hauser, „ist die Tatsache, daß magere Menschen, die es nie auf ihr Normalgewicht bringen, in der Regel länger leben.“ Eine gut ausgewogene Diät mit niedrigen Kalorienwerten ist daher die erste Vorbedingung der Jugendlichkeit, worunter man vor allem ungeschmälerte Vitalität, gute, reine Haut und allgemeine Lebenslust versteht. „Also weg mit der dicken Taille und dem Doppelkinn, zumal wenn ihr die Vierzig; überschritten habt!“ Für diejenigen, die schon, zuviel im Essen gesündigt haben und jetzt an Umkehr denken müssen, ist in Hausers Buch natürlich besonders gesorgt. Es ist aber auch für die Erträglichkeit der Diät gesorgt, und zwar dadurch, daß Kuren vorgeschlagen werden, die nur einen einzigen Tag dauern. Hier zwei Beispiele: