Von Martin Rabe

Wie der deutsche Expressionismus entstand, der in seinen Nachwirkungen die heutige deutsche Malerei immer – noch stark beeinflußt, läßt sich sehr schön an dem Beispiel des Malers Schmidt-Rottluff verfolgen. Man kann dies augenblicklich in der Kestner-Gesellschaft zu Hannover studieren in einer Ausstellung, die an einer Auswahl charakteristischer Werke seine Entwicklung von den Anfängen bis zu unseren Tagen demonstriert.

Als 21 jähriger ging Schmidt-Rottluff 1905 nach Dresden, um Architektur zu studieren. Dort traf er zwei andere Studenten, Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel. Aus ihrem Studium wurde nichts, da sie sich leidenschaftlich der Malerei widmeten. Zu ihnen stieß der Akademieschüler Max Pechstein. Sie vereinigten sich zu einer Gruppe, die sie „Die Brücke“ nannten, der für kurze Zeit auch Emil Nolde und später Otto Mueller, der Zigeuner-Mueller, angehörten.

Die frühesten Bilder der Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft sind von 1907, spätimpressionistisch und sehr gelockert gemalt, gelöst in der Farbe, aber mit einem unverkennbaren Bestreben, die Form nicht verlorengehen zu lassen. Drei Jahre später tritt im Stil eine Wendung ein – nicht bei ihm allein, sie waren ja eine Gruppe, und der führende Künstler war nicht er, sondern Ernst Ludwig Kirchner –, aber bei ihm war vielleicht der Überschwang der neu erfundenen Malweise am stärksten. Zum erstenmal seit langen Jahrhunderten wurde die Darstellung wieder mit Betonung unabhängig vom Objekt, in den starken reiben Farben wie in der Form.

Isoliert gesehen, also außerhalb der gesamten geistigen Entwicklung der Zeit, so wie sich dieser Sprung im Stilistischen heute auf der Ausstellung präsentiert, wirkt er erstaunlich und überwältigend. Um den Impuls zu verstehen, der ihn ermöglichte, muß man sich jener Jahre vor dem ersten Weltkrieg erinnern die denen, die sie nicht miterlebten, heute grau und dekadent erscheinen, in denen aber fast alles vorgeformt wurde, was sich seit dem ersten Weltkrieg entwickelt hat.

Es sind Märchenerzähler, die von jener Zeit als einer „wilhelminischen Bedrückung“ berichten. Gewiß, die moderne Kunst wurde nicht von oben her protegiert, aber dies hat ihr keineswegs geschadet. Es gab damals keine sterile, sondern eine fruchtbare Opposition. Es war in jenen Jahrzehnten, daß Thomas Mann sich den Ruf erwarb, auf Grund dessen er in der Weimarer Republik als praeceptor germaniae auftreten konnte. Der „Untertan“ von Heinrich Mann erschien 1914 in einer Münchener literarischen Zeitschrift. Fast in jedem Jahr konnten bei den Premieren Münchener Studenten für Frank Wedekind demonstrieren, von dessen genialer Neuschöpfung der dramatischen Form alle Bühnendichter der letzten Jahrzehnte beeinflußt worden sind. In den „Weißen Blättern“ durften während des Krieges Fritz von Unruhs symbolistisches Schauspiel „Ein Geschlecht“ und „Hans im Schnakenloch“ von René Schickele veröffentlicht werden, beide Stücke Manifeste gegen Krieg. Zugleich war dies auch die Zeit der Jugendbewegung, des Reformkleides und des Schreies nach Freier Liebe. Niemals ist das „épater le bourgeois so sehr mit ethischem Pathos verbunden gewesen wie in jenen Jahren in Deutschland.

Nicht, daß die allgemeine Unruhe eine gesonderte deutsche Erscheinung gewesen wäre. Zur gleichen Zeit wie die Künstler der „Brücke“ bei unstraten in Frankreich die „fauves“ auf, die sich um Matisse scharten, und in Italien die Futuristen, von denen Marinetti noch unter Mussolini eine Rolle spielte. Es war überall in Europa ein Aufstand ausgebrochen, um die alten Formen zu zerstören. Der erste Weltkrieg war das historische Korrelat zu dieser Formen zerstörenden Tendenz in der Kunst. Gleichzeitig allerdings bedeutete er – in Deutschland wenigstens – ein Ende der fruchtbaren künstlerischen Entwicklung. Was noch an Neuem auftrat, war meist romantische Artistik, Verspieltsein und Raffinement im Geschmack – mit Ausnahme des einen Max Beckmann, der ohne Nachfolge geblieben ist.

Schmidt-Rottluff hat diese Nachkriegsentwicklung zum Artistischen nicht mitgemacht. Er ist dem Stil, den er 1911 gefunden hat, treu geblieben. Unter den neuesten Bildern ist eines, „Der rote Stuhl“, ein Interieur, das thematisch auch von Matisse sein könnte. Hier zeigt sich sehr gut die Eigenart des Deutschen, die ihm von dem französischen Meister trennt. Das Bild, hat nichts von dem Graziösen und Leichten in Farbe und Form, das Matisse eigen ist. Es ist im Geiste jener Konzeption aufgebaut, die Carl Georg Heise meinte, als er einmal sagte, man müsse ein Aqua rell von Schmidt-Rottluff in sein Zimmer hängen, weil es durch seine Monumentalität den Raum erweitere. Eine Monumentalität allerdings, die ein Streichholz in einen Balken und einen Blumenkohl in einen erratischen Block verwandelt, eine Hinterlassenschaft der Pathetik van Goghs, von dessen nachimpressionistischem Stil Schmidt-Rottluff in seiner Jugend ausgegangen ist.