Wenn man heutzutage in den Zeitungen von einem Sportskandal nach dem anderen liest, wenn man hört, daß Fußballvereine sogar schon nach dem Staatsanwalt riefen, damit er grobe Ausschreitungen auf dem Kampffelde der gerechten Strafe zuführen möge. und damit er gegen Betrügereien oder gegen Schiebung bei der Aufstellung und Durchführung des sportlichen Spielplanes einschreite, wenn man das alles erfährt, dann kann einem traurig ums Herz werden.

Um so mehr ist man erfreut, wenn man hin und wieder auch etwas liest, das an das ursprüngliche Ideal der deutschen Sportbewegung erinnert, an eine Zeit, in der noch nicht der Rekord allein bestimmend war, in der von Tagegeldern und Reisespesen nur sehr wenig (wenn überhaupt) die Redewar, und in der Schlägereien auf der Eisbahn oder Schiebungen auf dem Fußballfeld völlig unbekannte Begriffe waren. Muß es einen nicht rühren, wenn er hört, daß neulich ein Arbeitsloser aus reiner Liebe zum Pferdesport, dem er vielleicht selbst einmal in besseren Tagen gehuldigt, dem Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei 130 D-Mark gestiftet hat? Wir wollen hierbei gar nicht fragen, wie denn ein Arbeitsloser überhaupt in der Lage ist, einen so hohen Geldbetrag herzugeben; es genügt zu wissen, daß es also doch noch einige reine Idealisten gibt, denen der Sport mehr ist als ein Geschäft oder ein Nervenkitzel. Der Präsident des Komitees, der alte, allzeit junge Gustav Rau, tat recht daran, daß er dem Spender sofort zum Dank die Ehrenkarte Nr. 1 für das kommende Helsinki-Ausscheidungsturnier übersandte, der er hoffentlich auch gleich die Freifahrkarte zum Turnierplatz beigelegt hat.

Ein Idealist sonder Art ist auch der katholische Priester Paul Schulte, der „fliegende Pater“. Im Jahre 1927 gründete der Jagdflieger des ersten Weltkrieges eine Gesellschaft, deren Aufgabe es war, Missionare zu Piloten auszubilden und sie dann mit Flugzeugen zu den Heiden Afrikas und der Arktis zu entsenden. Nun ist er nach dreizehn Jahren in seine Heimat zurückgekehrt und will, neben manchen Aufgaben kirchlicher Art, im Ruhrgebiet eine Schule für Motorflieger errichten, auf der vornehmlich (im Gegensatz zu früher) unbemittelte, flugbegeisterte Jugendliche ausgebildet werden sollen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat seine finanzielle Unterstützung dieser Idee zugesagt, und man sollte meinen, jedermann könnte sich nur darüber freuen. Um so erstaunter aber mußte man sein, als einen Tag nach dem Bekanntwerden dieses schönen Planes, Dr. Hans Christoph Seebohm, der Bundesverkehrsminister, auf der Hauptversammlung des Aero-Clubs erklärte, von dieser Sache sei ihm und seinen Mitarbeitern nichts bekannt und Geld gäbe es vom Bunde ohnehin nicht. Wie das? Soll hier etwa schon Sturm gelaufen werden gegen eine Sache, die zwar zunächst einmal noch nichts weiter als ein Projekt ist, die aber bei der bekannten Energie des „fliegenden Paters“ über Nacht zur Wirklichkeit werden kann? Sollten das Interesse von Nordrhein-Westfalen und die Freude, die sein Verkehrsfachmann, Ministerialdirektor Dr. Brandt äußerte, etwa die Ursache sein, daß Dr. Seebohm, der (und zwar nicht nur im Vergleich zu Pater Schulte) in der Fliegerei ein ahnungsloser Engel ist, sich so abrupt gegen die Idee gewandt hat, von der man nur hoffen könnte, daß sie tatsächlich sehr baldin die Tat umgesetzt werden möge? Schon allein deshalb, weites zur Zeit nur wenige Männer in Deutschland geben dürfte, die über so gute internationale Beziehungen verfügen wie Pater Schulte, auf die man hier nicht verzichten sollte!

Idealisten tun uns not. Das hat auch die Stadt Hannover erkannt, und sie handelte danach. In Juli sollen unsere Sportleute nach Helsinki fahren, aber leider kostet ein Ausflug ins Land der tausend Seen viel Geld, und die Deutsche Olympische Gesellschaft hat alle Mühe, die nötigen Mittel aufzubringen. Da hat nun der Rat der Stadt Hannover von dem Bildhauer Professor .Vierthaler eine Serie künstlerisch wertvoller Statuen der olympischen Sportarten anfertigen lassen und der DOG geschenkt, die ihrerseits eile Serie Miniaturstatuen anfertigen ließ. Die deutsche Sportjugend aber wird diese Olympiafiguren von heute – vom 1. Mai – ab in ganz Deutschland verkaufen. Eine letzte große Kraftanstrengung, die Finanzierung der deutschen Olympiateilnehmer sicherzustellen.

Walther F. Kleffel