Erzählung von Martin Beheim-Schwarzbach

In einer winzigen Kneipe wurde ich des alten Mannes, den ich mehrmals in der Hafengegend gesehen hatte, endlich habhaft. Daß er Russe war, war mir von vornherein klar. Ich brannte damals sehr darauf, die Schicksale der von der furchtbaren Revolution vertriebenen Emigranten, die sich über Westeuropa ergossen, kennenzulernen. Unmittelbar nach dem Ende des ersten Weltkrieges ging es uns allen kläglich. Wie dieser Greis, er mußte mehr als achtzig zählen, sein Leben fristete, schien völlig schleierhaft, doch eine eigentümliche Würde, dergleichen die großen Narren vom Schlage des Lear sie oft besitzen, verlieh der Düsterkeit seiner Erscheinung etwas Unverwundbares. So gebrechlich sein Körper war, glaubte ich doch an ihm einen Rest vom Schneid und der Haltung des eingefleischten Reiteroffiziers zu erkennen. Eines Abends fand ich ihn auf einer Bank gegenüber dem trüben, öligen Wasser eines Fleets, bot ihm eine Zigarette und redete ihn in dem mangelhaften Russisch an, das ich mir im Umgang mit den Kriegsgefangenen angeeignet hatte. Es ergab sich, daß die Stunde günstig und das Zutrauen des Alten gelockert war, so daß er mir in großen, nicht immer ganz klaren Brocken den Roman seines Lebens erzählte oder das eine, unverrückbare Kernstück seines Lebens, das allein noch von seinen Erinnerungen übriggeblieben war, während alles andere sich zerbröckelt hatte. Er sprach bald russisch, bald französisch, und ich versuchte später dasjenige davon, das zu verstehen meine Sprachkenntnisse ausgereicht hatten, von den ärgsten Schlacken des Abschweifens, Träumens und Spinnens gereinigt, niederzuschreiben.

„Als das Pferd stürzte, das war es, das war der Augenblick der Entscheidung“, murmelte er, und alles, was nun aus seinem Munde hervorkam, war mehr ein Selbstgespräch als eine Mitteilung. „Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre Frou-Frou nicht gestürzt. Da nämlich schrie Anna wild auf. Bis dahin hatte sie sich in der Hand gehabt. Noch in jener Stunde befand ich mich auf der Höhe meiner Macht, meiner Erfolge, meiner Lebenskraft, als ich dahinschoß, dem Pferd an der Spitze unmittelbar auf den Fersen, unter den Augen des Zaren, da kam der Sturz, und Anna schrie auf, wie noch nie eine Dame der ersten Gesellschaft in einer Loge des Rennplatzes einen solch gellenden Schrei ausgestoßen hatte. Von da an erfuhr Karenin alles, ja, sie bekannte ihm schon auf der Heimfahrt vom Rennen freimütig alles, mehr als das: sie schrie ihm böse und verzweifelt ins Gesicht, wie er sie peinigte, und wie ihr Herz nur für mich schlug. Ich wußte das alles in derselben Sekunde, noch während des Sturzes, und als sie das Pferd erschießen mußten; stand ich daneben und wußte, daß Annas und mein Schicksal sich in dieser Minute erfüllte. Ich durchlebte Wonnen des Paradieses in den kommenden Monaten, in denen es mit unserm Leben, mit unserm von Gott verfluchten Bunde steil bergab ging. Das furchtbare Zahnweh, das ich auf der Fahrt nach Sewastopol hatte, war der Schlußstein, wie dieser Sturz des Pferdes, der Sturz meiner schönen Frou-Frou, das Eingangstor war zu unserm Paradies und unserm Unheil. Ich verstehe bis heute noch nicht, warum ich nicht dasselbe tat wie sie. Aber sie tat es aus guten Gründen, und um sich an mir zu rächen, der ich zu ihr gesagt hatte: „Ich kann das Wort Liebe nicht mehr hören...“ Und das als Dank für die unbeschreiblichen Wonnen, die sie mir gewährt hatte.

Denn Sie müssen wissen, lieber Herr, sie war die schönste Frau von Moskau und Petersburg zusammen. Nun, darüber läßt sich streiten. Vielleicht war es gar nicht ihre Schönheit, sondern ihr Charme. Ich hielt schon damals jeden Mann für schwachsinnig, der sich nicht in sie verliebte. Und doch konnte ich schon nach zwei Jahren, die wir als Ausgestoßene verbrachten, das Wort Liebe nicht mehr hören. Fürst Karenin hatte beschlossen, sich der Scheidung zu widersetzen. Damit war unser Urteil gefällt. Merkwürdigerweise hatte ich keinen Anlaß zur Eifersucht. Anna war treu, sie war die Treue selbst. Vielleicht haben sich Männer ihretwegen umgebracht, ich weiß es nicht, es ging mich nichts an. Sie hatte einen unbeschreiblichen Charme, es sind jetzt sechzig Jahre her, denn ich bin über achtzig, und das Feuer der Sehnsucht brennt in mir wie am ersten und letzten Tage unserer Liebe. Aber ihr Charme wurde von einer furchtbaren dämonischen Krankheit zerstört,-und die hieß Eifersucht. Grund zur Eifersucht, ach nein, den hatte sie wahrlich nicht. Ich war erfüllt von ihr bis zum Rande. Aber das Verbrechen, das ich an ihr beging, war die Ermattung. Anna kannte sie nicht. Ihr Herz, war jenseits allen Erlahmens, es brannte mit einer Glut, die schon nicht mehr menschlich war. Ich aber bin nur ein Mann, ich erlahmte. Und eines schrecklichen Abends, es war auf der Hotelterrasse zu Kiew, flüsterte ich zähneknirschend vor mich hin: „Ich kann das Wort Liebe nicht mehr hören.“ Es war eine sternenklare Nacht, ich hatte das Gesicht, nach Kühle lechzend, zu den Sternen erhoben und flüsterte diesen Satz vor mich hin, vielleicht schrie ich ihn auch in die Nacht hinaus, gewiß schrie meine überreizte Seele ihn aus sich heraus, und Annas Herz vernahm es, und von da an hatte der Teufel Macht über sie. Und je teuflischer die Hartnäckigkeit war, mit der sie meine Gegenliebe einforderte, verstehen Sie wohl, eine Gegenliebe, die so groß und heiß sein sollte wie die ihre, desto rasender verlangte mein Herz nach Ruhe, Heiterkeit und Unbefangenheit und desto lahmer und künstlicher wurden meine Zärtlichkeiten, und es mehrten sich die Auseinandersetzungen und Vorwürfe; der Hader gewann Macht über uns, und da kam es über sie, daß sie den Gedanken faßte: nur noch ein Mittel gäbe es, uns unsere Liebe zu erhalten, und es sollte zugleich das Mittel sein, mir die Augen zu öffnen für das Leid, das ich ihr mit meiner Müdigkeit antat. Und da vollbrachte sie das schauerliche, entsetzliche Wunder, sie zerstörte, ihren herrlichen Körper unter den Rädern des Zuges, damit ihre herrliche Seele sich für immer an meiner Sehnsucht weiden sollte ... und Gott weiß, welch unermeßliche Nahrung ihre süße Seele seither, seit sechzig Jahren aus meiner Sehnsucht und Verzweiflung zieht.

Ich fuhr in den Krieg. Ein erbarmender Gott hatte Zahnweh in meinen Mund gepflanzt, die ganze Fahrt hindurch, und der fürchterliche letzte Anblick des geliebten, entsetzlich verstümmelten Körpers, wie er im Gepäckraum des kleinen Bahnhofes aufgebahrt lag, wurde von den wühlenden Schmerzen verschleiert. Ach, aber dieser Trick hielt nur kurz! Ich hatte zu ihr gesagt, ich könne das Wort Liebe nicht mehr hören, und dies war nun die Rache, denn nun hatte meine Liebe erst begonnen. Ich weiß nicht, warum, mich die Kugeln der Türken so hartnäckig verschonten, ich weiß nicht, wodurch ich auch späterhin allem Zugriff des Todes, den ich suchte, entging... Anna Karenina hatte es wohl so über mich verhängt, und in der Einsicht, daß es so ihr Wille ist, erwarte ich nun geduldig das Ende, das ja doch einmal kommen muß. Dann aber, wenn es da ist, lieber Herr, dann werde ich mitleidig lächeln über meine Rede, daß ich das Wort Liebe nicht mehr hören könne ...“

Er war allem entronnen, Jahrzehnt um Jahrzehnt, zuletzt gar den Schrecknissen der bolschewistischen Revolution, aber er wußte nicht, wie es geschehen war, er wußte nur noch das eine. Alles andere hatte sich in seinem Leben nur noch als ein Traum abgespielt...

Wie ein Träumer erhob er sich an seinem Stock und ging davon, immer noch mit einem Rest von der Haltung des Reiteroffiziers, und ich verlor ihn im Dunkel der Nacht. Nur durch einen Zufall erfuhr ich einige Monate danach von seinem Tode, wobei auch sein Name genannt wurde; er hieß Graf Wronsky.