Auch die geologische Erschließung des Landes war weitgehend vernachlässigt und von der staatlichen Eti-Bank nur für den Eigenbedaff der Schwerindustrie entwickelt worden. Abgesehen von unrationellen Abbauorten oder -methoden hat die Subventionierung z. B. des Kohlepreises (aus anderen Erträgen der Bank) die Wirtschaftlichkeit der Kohleproduktion unterhöhlt und die Erschließung anderer Kohlevorkommen aus privaten Mitteln verhindert. Zudem war privaten Unternehmern der Zugang zu geologischen Forschungsinstituten verschlossen. Bisher werden nur die leicht abzubauenden Bodenschätze ausgenützt, doch konnte die Produktion wesentlich gesteigert werden, so bei Chromerz (1944: 200 000 t, 1950: 420 000 t, 1952 wahrscheinlich 500 000 t), bei Mangan (1945 3400 t, 1952: wahrscheinlich 50 000 t); bei Kupfer wird nach der modernen Ausrüstung der reichen Minen von Ergani mit einem diesjährigen Export von 15 000 t gerechnet; bei Kohle gilt ein Export von 150 000 t als erreichbar. Die seit 1950 betriebene Suche nach Erdöl führte im Vorjahr zur Entdeckung des ergiebigen Feldes bei Diyarba Kir mit einer vorläufigen Förderung von 6000 Faß (1 Faß = etwa 160 1) täglich, so daß der türkische Bedarf gedeckt werden kann. Weitere reiche Ölvorkommen werden bei Adana vermutet. Die Empfehlungen der Wiederaufbaubank richten sich vor allem auf die Herstellung der Wirtschaftlichkeit durch eine echte Kosten- und Preisrechnung und auf die Öffrung des Bergbaues für die Privatwirtschaft. Dabei wird der intensiven Nutzung bestehender Anlagen und der gründlichen geologischen Erforschung des Landes der Vorzug vor schnellen Neuerschließungen gegeben.“

Der Wunsch nach hohen Profiten und die Spekulationspsychose erklären nicht das Fehlen der Privatinitiative, wohl aber sind sie das unvermeidliche Resultat der Staatswirtschaft in der Türkei. Seit einem Vierteljahrhundert lebte das Land in einer latenten Inflation; und der Staat beanspruchte alles. Als unerläßlich für die Rationalisierung bestehender und für die Errichtung neuer Industriebetriebe hat jetzt die Heranziehung von Fachleuten zu gelten, die aus dem Ausland kommen müssen, ebenso wie die Industrialisierung ja ausländischer Maschinen, technischer Ausrüstungen und des Auslandskapitals bedarf. Es wurde daher im August 1951 vom türkischen Parlament das Gesetz verabschiedet, wonach ausländischem Kapital auch in Form von Sachwerten und Patenten die freie und gleichberechtigte Arbeit und die Transferierung von Kapital und Erträgen in Devisen garantiert wird.

Die Neigung zur passiven Handelsbilanz bei einer Auslandsverschuldung von (1950) 260 Mill. die den Transfer von 60 Mill. LT jährlich erfordert, zwingen das Land, seine Exporte zu steigern und die Importe zu lenken. Die Wiederaufbaubank will mit der Leistungs- und Produktivitätssteigerung der türkischen Wirtschaft alle Probleme lösen: Aus der „Verbundwirtschaft“ zwischen Industrie, Bergbau und Landwirtschaft ergibt sich ein sicherer Markt für landwirtschaftliche Produkte und ein erhöhtes landwirtschaftliches Einkommen. Hierdurch finden die industriellen Verbrauchs- und Dauergüter einen sich vergrößernden Markt in der Landwirtschaft und tragen dort zur Produktivitätssteigerung bei; die Importe können in dem Maße auf wirtschaftsfördernde Güter konzentriert werden, wie die heimische Industrie den Bedarf an einfachen Bedarfsartikeln deckt; der Export in die Länder industrieller Lieferanten kann gesteigert werden, wobei sich die türkischen Industrieerzeugnisse auch in den Nachbarländern des Vorderen Orients einführen lassen werden. Aus der Rentabilität türkischer Verarbeitungs- und Exportbetriebe soll sich wiederum der Zufluß ausländischen Kapitals ergeben, der den Abgang von Devisen für Zinsendienste zumlndest verringert.

Besonders gute Möglichkeiten für die Gründung industrieller Betriebe eröffnen sich z. B. in der Lederindustrie (Arbeitsschuhe), der Gebrauchst keramik, der Möbel- und Holzverarbeitungsindustrie, der Herstellung von Baumaterial (Glas, Ziegel, Zement sowie für Betriebe der Metallverarbeitung (Werkzeuge, Arbeitsgeräte für die Landwirtschaft, für Gewerbe und Metallindustrie, Leichtmaschinenbau, Reparaturwerkstätten) und die Herstellung einfacher Arzneimittel, Sera sowie chemischer Produkte. Ganz unterentwickelt sind noch die Pflanzenölindustrie, die Milchpasteurisierung, die Fleischverarbeitung, die Konserven-, Konzentrats- und Konservierungsindustrien, wie überhaupt die Lagerung, der Transport und die Verarbeitung leicht verderblicher Nahrungsmittel. Mit relativ geringen Investitionen kann hier ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen erreicht werden, wenn bei der Anlage die geringen kaufmännischen, technischen und organisatorischen Kenntnisse sowie der Mangel an Kapital und die Armut der Bevölkerung gebührend berücksichtigt werden. Nicht erwünscht ist die Aufnahme von Produktionen an Luxusartikeln, schweren Maschinen und von komplizierten Erzeugnissen der Technik und Chemie, von Zellulose und Papier und von entbehrlichen Gütern, die keine heimische Rohstoffbasis besitzen. Eine Ausnahme stellt natürlich der militärische Bedarf dar. Die Inflation begünstigt eine Zurückhaltung von Warenbeständen und Hortungskäufe; daher zielen die Maßnahmen der türkischen Regierung nun auf die Schaffung einer Angebotswirtschaft ab; einerseits durch straffere Kontrolle des Geld- und Kreditwesens, andererseits durch produktionssteigernde Wirtschafts- und Außenhandelspolitik.

Erwünschte Privatinitiative

Unter die Industrialisierungsaufgaben fallen ferner die Modernisierung oder der Ausbau öffentlicher Dienste: so die Erweiterung der Telegraphen-, Signal- und Telephonanlagen über das gesamte Eisenbahnnetz, die Vermehrung von Reparatur-, Werkzeug- und Waggonwerkstätten und der Import von Kraftfahrzeugen für die Anforderungen des türkischen Verkehrs. Zu den dringlichen Aufgaben gehört die Erweiterung des Fernsprechnetzes in den Stadt- und Landbezirken und die Elektrifizierung des Landes, die mit Hilfe der ECA bis 1960 vollendet sein soll. Ein Ausbau der Rundfunkanlagen ist gleichfalls geplant. Die Regierung will einen Plan ausarbeiten, der die Privatinitiative anregt und unterstützt. Für die öffentlichen Investierungen wurden folgende Empfehlungen von der Wiederaufbaubank gegeben:

Zweck (Mill. LT) 1949 1952 1952–56