Der Bundesverband der Deutschen Industrie hält seine diesjährige Mitgliederversammlung in Hamburg ab. Das ist, was den Ort anbelangt, nicht ohne besondere Bedeutung. Wenn die Wiederaufbaujahre bis 1948 eine Zeit des Notbaues, der Wiederaufrichtung unserer Produktionsgrundlage aus den Trümmern unter Hunger und Entbehrungen waren, so kann man die Jahre 1948 bis 1950 die der inneren Festigung und der Weiterführung über den Stand der Vorkriegsvoraussetzungen hinaus nennen. Das Jahr 1951 brachte den Ausbau unseres Außenhandels, der bis dahin hinter unserem innerwirtschaftlichen Fortschritt zurückgeblieben war.

Renaissance der Auslandsbeziehungen

Die Vergleichszahlen dieser Entwicklung geben, wenn man von Nachkriegsverhältnissen ausgeht, ein recht günstiges Bild. Während sich von der Währungsreform bis Ende 1951 die gesamte Produktion etwa verdoppelt hat, ist der Umfang unserer Ausfuhr in der gleichen Zeitspanne auf das Sechsfache gestiegen. Mißt man jedoch den Anteil der deutschen Ausfuhr an der Ausweitung des Welthandels in den Nachkriegsjahren, so beträgt dieser 1948 etwa 1,2 V. H. der Weitausführ, und steigt, über 3,5 v. H. 1950, auf 4,5 v. H. im Jahre 1951. Damit rücken wir an die 5. Stelle unter den Ausfuhrländern der Welt – aber wir bleiben hinter dem Ausfuhranteil des früheren Deutschen Reiches noch um die Hälfte zurück. Es besteht also weiterhin ein erheblicher Spielraum – auch, wenn wir den kleineren Umfang Westdeutschlands gegenüber dem Deutschen Reich berücksichtigen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat es stets als eine seiner ersten Aufgaben betrachtet, den Exportwillen der deutschen Industrie zu stärken und bei den staatlichen Stellen auf die Notwendigkeit behördlicher Förderung der Ausfuhr hinzuarbeiten, soweit dies zur Schaffung gleicher internationaler Wettbewerbsvoraussetzungen erforderlich ist. Diese Arbeit umfaßt auch die Gesichtspunkte der Einfuhrpolitik, bei der die Erfordernisse der industriellen Ausfuhr mit erwünschten Schutzmaßnahmen auf anderen Gebieten abgestimmt werden müssen.

Mindestens ebenso wichtig wie die materielle Seite der Ausfuhrförderung ist die Pflege der persönlichen, fachlichen und geistigen Beziehungen zur Wirtschaft des Auslandes und ihrer Persönlichkeiten. Im Jahre 1951 gelang es, auf breiter Basis die alten Beziehungen wieder herzustellen und auch neue anzuknüpfen. Aus den vielerlei Bemühungen auf diesem Gebiet ragt der Erste Internationale Industriellenkongre / in New York vom 2. bis 5. Dezember 1951 hervor. Zum erstenmal kamen hier Unternehmer aus allen Ländern der freien Welt zusammen, um ihre Gedanken auszutauschen und aus den Erfahrungen zu lernen. Westdeutschland war mit einer ansehnlichen Abordnung des Bundesverbandes vertreten.

Es wurde ein wirklicher „Kongreß des guten Willens“. Wir haben von den Unternehmern der Neuen Welt vieles aus ihren erfolgreichen Methoden der Produktionssteigerung und aus der Art ihrer Menschenbehandlung gelernt und dabei festgestellt, daß bei uns, bei entsprechender Nutzanwendung, mancherlei Reibungsverluste vermieden werden können. Wir hoffen, dat drüben über den Diskussionen und Verhandlungen auch ein stärkeres Verständnis für unsere besondere Lage und unsere zum Teil andersartigen Voraussetzungen gewonnen worden ist, und daß im Ganzen aus dem Kennenlernen und aus der vorgesehenen Fortsetzung dieser Begegnungen eine immer engere Zusammenarbeit zum Nutzen der wirtschaftlichen und politischen Beziehung der westlichen Welt erwächst. Wir haben den Meinungsaustausch auf dem New Yorker Kongreß für so wesentlich und zukunftsversprechend gehalten, daß wir seine Verhandlungen in einer Sammlung von Berichten und Dokumenten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Wir werden uns auch bemühen, diese Erkenntnis im Rahmen des Deutschen Produktivitätsrates, der Anfang April unter Zusammenarbeit von Regierung, Unternehmern und Gewerkschaften gegründet worden ist, zu verwerten.

Verteidigung und Produktivität