Von Karl N. Nicolaus

Wenn man die einzelnen Getränke, die eine Beschwingung des Herzens in die Welt bringen, mit Musikinstrumenten vergleicht, so wäre der Wein vielleicht die Gitarre, mit der jemand einer Dame ein Ständchen bringt, oder die Flöte, die der große Pan zuweilen bläst, wenn die Sonne sinkt. Aber das Bier wäre der Baß, in dem der Rhythmus wogender Kornfelder oder die Kraft der Erde pocht – stark und sanft zugleich. Ein Dichter könnte sagen, daß er im Bier den Wind schmeckt, der über die Felder ging, als das Korn noch nicht gemäht war. Ja, und es steht da ein Geruch von saftigem, sattem, trächtigem Acker über dem Land ...

Alkohol und Typenlehre

Es wäre interessant, die moderne Typenlehre, die die Menschen in verschiedene Gruppen einordnet, auf das Verhältnis der einzelnen zum Alkohol zu erweitern. Es ergäbe sich, daß die meisten Pykniker dem Bier zugetan sind. (Luther, Goethe, Voltaire und Friedrich der Große waren Pykniker.) Übrigens, nach der modernen Konstitutionsforschung neigen Pykniker am wenigsten zu Verbrechen. In dem Bier ist ein Element der Beruhigung, eine Komponente, die nicht so sehr auf Rausch, sondern mehr auf Nahrung hinzielt.

Die Süffigkeit

Die „Süffigkeit“ des Bieres ist von jeher als sein großer Reiz gepriesen worden. Süffigkeit! Der Trunk muß belebend durch die Gurgel rinnen, so daß einem gleich heimatlich zumute ist. Süffigkeit! Dies sagt, daß der Trunk sanft sei und anschmiegsam und zärtlich und voll jenes Flairs, wie der große Brueghel es gemalt hat.

Diese Süffigkeit war es, die von jeher fasziniert hat, damals schon, als in sagenumwobener Zeit jener „feine Stoff“ in die Welt kam, den die Araber später „al-kohol“ nannten. Wie mag der Becher ausgesehen haben, in dem es kredenzt wurde? Man weiß es nicht. Man weiß nur, daß lange bevor der Babylonische Turm gebaut wurde, in einer altbabylonischen Inschrift aus der Zeit des Urukagina – und das war ungefähr 3000 Jahre vor Christi Geburt – das Bier erwähnt wird. Und zwar mußte es den Toten auf ihre Reise ins Jenseits mitgegeben werden, da sie ohne Bier im Jenseits nicht glücklich werden könnten. Den Babyloniern also – auch ihnen – war ihr Paradies ohne Bier nicht denkbar. Und sie verstanden etwas vom Bier. Als Babylon die „purpurn-goldne Weide“ war, die mächtigste Stadt der damaligen Horizonte, gab es schon zwanzig Sorten von Bier. Es ist im übrigen nicht der einzige Fall, in dem das Bier ins Jenseits oder ins Reich der Götter hinüberschäumt. In unseren Regionen nahm nach alten Sagen der Gott Thor dem Riesen Hymir in einer schrecklichen Gewitterschlacht einen großen Kessel ab, in dem ein berühmtes Bier gebraut werden konnte. So wichtig war den Leuten das Bier, daß sie die Götter bemühten, es den Riesen abzutrotzen.