Von W. Renner

Wiesbaden, Ende April

Das wichtigste Ereignis des 58. Deutschen Internistenkongresses, der vom 21. bis 24. April in Wiesbaden stattfand, war wohl die Bekanntgabe der ersten Erfahrungen mit dem neuen Tuberkulosemittel Isonikotinsäurehydrazon. Es wurde an drei Orten der Welt zugleich entwickelt und erschien unter verschiedenen Namen etwa gleichzeitig im Handel: als Neoleben, Rimifon und Nydrazid. Das Mittel litt an einem Geburtsfehler: es war nämlich vorzeitig durch die Zeitungen der Öffentlichkeit bekannt geworden, und das hatte zwei Nachteile. Erstens entspann sich ein Streit, wer es nun zuerst gefunden hätte – ein Punkt, der wie Professor Domagk erklärte, im Grunde weder die Ärzte noch die Kranken interessiert. Er interessierte aber die Industrie, die sich nun gedrängt fühlte, ein Mittel zu einem Zeitpunkt auf den Markt zu bringen, zu dem die klinischen Erprobungen noch längst nicht abgeschlossen waren. Und das birgt bei einem Tuberkulosemittel nicht übersehbare Gefahren. Professor Domagk meinte, er hoffe, man werde das Mittel sparsam und nur nach gründlicher Abwägung der jeweiligen Krankheitslage verabfolgen. Die Erfolge bei Lungentuberkulösen, über die Professor Klee, Wuppertal, bisher belichten konnte (er hat das Neoteben seit einem halben Jahr in Händen), sind hervorragend. Es wird ausgezeichnet vertragen, hat wenig Nebenwirkungen, die Kranken nehmen rapide an Gewicht zu und ihr Lebensmut kehrt zurück. Fast alle Behandelten entfieberten. Und das waren Menschen, denen mit den früheren Mitteln wie PAS, Conteben und Streptomycin nicht mehr gehelfen werden konnte. Gleiches berichtet Professor Heilmeyer aus Freiburg. Man kann sogar tuberkulöse Hirnhautentzündungen, die bisher nur auf Streptomycin reagierten, mit dem neuen Mittel heilen. Bazillen, die resistent gegen alle anderen Tuberkulosemedikamente geworden sind, werden vernichtet. Es wirkt auf Bakterienkulturen hundertmal stärker als alle anderen Mittel. Warum also das Zögern bei der Anwendung?

Dies läßt sich nur aus der besonderen Eigenart der tuberkulösen Krankheit erklären. Etwa 90 v. H. aller Menschen machen in der Kindheit eine Tuberkulose durch, ohne daß sie sich krank fühlen. In späteren Jahren verrät dann Kalk in der Lunge bei Röntgenuntersuchungen zufällig diesen Tatbestand. Aber nur ganz wenige Menschen im Vergleich hierzu werden je richtig tuberkulös erkranken: im Gegenteil, die Infektion in der Jugend verleiht sogar einen gewissen Schutz. Es sind vorläufig noch unbekannte Faktoren, die die richtige tuberkulöse Krankheit entstehen lassen. Not, schlechte Wohnverhältnisse und Hunger begünstigen sie. Bei einigen Kranken verläuft sie langsam durch Jahrzehnte hindurch. Bei anderen wiederum wie eine akute Infektionskrankheit. Und manchmal in Schüben, wobei sich beide Verlaufsarten abwechseln. Man weiß auch noch nicht recht, warum die Impfung mit umgewandelten Bazillen, wie sie von Calmette und Guerin eingeführt wurde, in Schweden innerhalb von zwanzig Jahren die Tuberkulose auf ein Minimum herabdrücken konnte. Auch unter Indianerstämmen, die in sozial schlechten Verhältnissen lebten, zeigte die Impfung denselben wunderbaren Erfolg. Aber ein Tuberkulosemittel kann man nicht durch Jahrzehnte hindurch einer Bevölkerung vorbeugend geben. Ganz abgesehen von den Kosten haben die Mittel Nebenwirkungen, und dann hat sich mit den bisherigen Mitteln etwas ganz Erstaunliches gezeigt. Es wurden nämlich viele Bakterien immun gegen die Medikamente. Das führte dahin, daß von sozialhygienischer Seite gefordert wurde, die Menschen mit immunen Tuberkelstämmen zu asylieren, weil man den Leuten, die von ihnen angesteckt wurden, nicht mehr helfen konnte. Das kann man aber nun durch das neue Mittel. Das Ziel der Ärzte muß daher jetzt sein, auf keinen Fall Tuberkulosebazillen zu züchten, die auch hiergegen wieder resistent sind.

Nur wenn keine andere Behandlung erfolgversprechend ist, sollte der Arzt dieses Mittel wählen, und auch dann mit Auswahl. So erklärte Professor Heilmeyer, daß die bisherigen Tuberkulosemittel sicher nicht überflüssig geworden sind noch werden. Die neue Tuberkuloseforschung stelle dem Arzt durch Schichtbildröntgenaufnahmen und zahlreiche allgemeine Untersuchungsmethoden die Mittel zur Verfügung, genau zu erkennen, wann er sich auf Medikamente beschränken kann, welche er am besten wählt und wann er operiert. Aber auch das lehrte sie ihn: abwarten. Die Dauer der Krankenhausbehandlung hat in den letzten Jahren bei der Tuberkulose nicht abgenommen, sondern eher zugenommen. Es gilt nämlich auch, die ungünstigen Allgemeinbedingungen, die zu dem Aufflackern der Tuberkulose überhaupt erst führten, und die man noch nicht kennt, durch die Natur überwinden zu lassen.

Ganz anders in vielem, aber doch auch wieder ähnlich in anderem liegt es bei den akuten Infektionskrankheiten, die man heute mit Sulfonamiden, Penicillin, Aureomycin und anderen, aus Pilzen gewonnenen sogenannten Antibiotica bekämpft. Hier sind die Erfolge erstaunlich, wie der erste Tag des Kongresses zeigte. Die Ruhr ist keine Gefahr mehr. Typhus, Scharlach und sogar die Papageienkrankheit können mit ziemlicher Sicherheit geheilt werden. Die Reihe der hier erzielten Erfolge ist lang; erfreulich für Ärzte und Kranke in aller Welt. Ja, selbst die Pocken sind ihres Schreckens beraubt, da die gefährliche Entzündung der Bläschen durch andere Bakterien jetzt verhindert werden kann. Das ist interessant, da die eigentlichen Pockenerreger durch die Medikamente nicht beeinflußt werden. Aber auch hier zeigt sich das Problem des Resistentwerdens der Keime. In wenigen Jahren hat sich die Zahl der resistenten Staphylokokken, die gefürchtete Eitererreger sind, vervielfältigt. Nach führenden amerikanischen Autoren sollen in den USA in etwa 90 v. H. aller Fälle erfolglos Antibiotica verabfolgt worden sein. Und dort sollen sich auch die Pilzerkrankungen in früher nicht gekannten Formen häufen. Man erklärt das damit, daß auch die für den Menschen harmlosen, ja auch nützlichen Bakterien im Mund, Darm und Lunge durch Antibiotica vernichtet werden. Und diese Bakterien hindern sonst die Pilze am Wuchern. Alle diese Tatsachen zeigen, daß die vorbeugende Impfung weiter erforscht und gefördert werden muß. So konnte Professor Schmidt, Marburg, zeigen, daß, wenn man den Abstand zwischen Diphtherieschutzimpfungen auf mindestens sechs Wochen verlängert, der Schutz sehr viel stärker wird. Er meinte, daß man vielleicht allein durch Wahl eines noch längeren, bisher noch nicht erforschten Abstandes, die Diphtherie ganz verhindern können wird.

Professor Höring, Worms, führte aus, manches spreche dafür, daß bei allem Nutzen der Chemotherapie für den einzelnen Kranken dennoch die Häufigkeit des Auftretens der Krankheiten in der Bevölkerung nicht abnehmen wird. Zahlreiche, sich zum Teil widersprechende Vorträge beschäftigten sich mit dem Vorteil zusätzlicher Hormonbehandlungen und der Verabfolgung von Stoffen, die auf das vegetative Nervensystem wirken. Manche sahen einen Nutzen bei Infektionskrankheiten, manche keinen.

So ist die Medizin gerade durch die ungeheure Bereicherung an hochwirksamen Medikamenten und an differenzierten Untersuchungsmethoden nicht einfacher, sondern sehr viel komplizierter geworden.