Kassel, Ende April

Enge künstlerische Bande verknüpfen seit langem Joseph Haas und die Stadt Kassel. Eine Kasseler Chorvereinigung erteilte vor mehr als zwanzig Jahren dem Künstler den Auftrag zur Komposition des Oratoriums „Die heilige Elisabeth“, am Kasseler Staatstheater fand unter Robert Hegers Leitung die Uraufführung seiner ersten Oper „Tobias Wunderlich“ statt (1937), und von Kassel ging auch die Anregung aus zur Gründung einer „Joseph-Haas-Gesellschaft“ (1949). Stadt und Haas-Gesellschaft waren nun auch die Veranstalter der Joseph-Haas-Festwoche, die in zwei Kammerkonzerten, einem Chorkonzert und einer Neuaufführung des „Tobias Wunderlich“ die verschiedenen Schaffensgebiete des Meisters beleuchtete.

Der dreiundsiebzigjährige Komponist, nimmt im deutschen Musikleben eine Sonderstellung ein. Unberührt von den musikalischen Stilumwälzungen der letzten fünfzig Jahre, hat er versucht, sich der wachsenden Entfremdung zwischen Volk und Kunstmusik entgegenzustemmen. Nicht für den Glanz der Konzertsäle hat er komponiert, sondern für Haus und Kirche und vor allem für die unendliche Zahl der Laienchöre in Stadt und Land. Für sie hat er die neue Form des Volksoratoriums geschaffen. Auch sein letztes Werk „Das Jahr im Lied“ op. 103, das im Rahmen der Kasseler Festwoche seine Uraufführung erlebte, ist ein solches. Es besteht in der Hauptsache aus Volksliedern des 15. bis 18. Jahrhunderts, in denen sich der Jahresablauf spiegelt. Die Lieder sind verbunden durch frei rhythmisierte, gesprochene Prosa (von Ludwig Andersen), dem Stil der alten Volksdichtung geschickt angepaßt. Zuweilen werden verschiedene Lieder durch instrumentale, Zwischenspiele zu einer größeren Szene zusammengefaßt. Die Liedsätze selbst sind denkbar einfach und werden durch ein äußerst durchsichtig instrumentiertes Orchester (mit Klavier und kleiner Schlagzeuggruppe) in romantische Farben getaucht. Erstaunlich in unserer Zeit ist Haas’ Fähigkeit, die Volksmelodie bruchlos in die eigene melodische Substanz überzuführen. Das ganze Werk ist durchflutet von innig-frommer, oft auch bauernderber Lebensfreude, dem Tragischen ebenso fern wie dem Erhabenen,

Das Publikum ehrte den anwesenden Komponisten durch stürmischen Beifall. Gertrud Runge.