Damaskus, Ende April

Wenn man abends von den Bergen um Damaskus auf die Stadt hinunterschaut, sieht man, wie die Lichter den Lauf der alten großen Handelsstraßen andeuten: von Sidon nach Bagdad und Mekka, also vom Meer nach Arabien herein, und von Osten, das heißt: von Persien und Mesopotamien nach Ägypten herüber. Und sogleich spürt man, daß es uraltes Land ist, auf dem man steht: die Wiege der drei großen Religionen, die auf dem Buch beruhen: der jüdischen, christlichen und der mohammedanischen.

Es ist, als habe diese Stadt von eh und je bestanden. Hier läßt die Geschichte sich schichtweise abheben, und man kommt nie auf den Grund. Die berühmte Omayad-Moschee in Damaskus war erst ein Tempel der Jupiter, dann wurde sie Basilika Johannes des Täufers (dessen Reliquien noch heute in einem Monument inmitten der Moschee aufbewahrt werden), später unter den Omayaden im siebenten Jahrhundert war sie zugleich Moschee und christliche Kirche. Erst im elften Jahrhundert wurde sie ganz zur Moschee gemacht.

Angesichts des Frühlings habe ich beschlossen, die 400 Kilometer von Damaskus nach Aleppo im Auto zurückzulegen. Es gibt hier eine sehr praktische Einrichtung: Große, sehr bequeme amerikanische Wagen, die als Taxis dienen, aber nicht als solche kenntlich sind, befahren täglich das ganze Land. Eine geradezu ideale Reiseart. Aber leider ist auch stets der Radioapparat mit von der Partie. Der unvorstellbare Lärm orientalischer Städte hat die Menschen offenbar völlig immun gegen Geräusche in jeder Lautstärke gemacht und ihnen eine gedankenlose Freude an einer alles übertönenden Musik gegeben. Ich war froh, daß ich beschlossen hatte, in Horns auszusteigen, um dort ein Auto zu mieten, das mich nach dem Crak des Chevaliers, der größten und schönsten aller Kreuzfahrerburgen, fahren sollte; froh war ich, weil es die Möglichkeit gab, dieser musikalischen Tortur zu entrinnen –: das Radio hatte tatsächlich drei Stunden lang ohne Unterbrechung orientalische Musik dargeboten in einer Lautstärke, die genügt hätte, eine Massenversammlung von 10 000 Personen zu bedienen. Ich hatte das Gefühl, man habe mir ein Blasinstrument durch die Schädeldecke direkt ins Gehirn gestoßen und unaufhörlich hineingetutet.

Aber die erhabene Stille von Crak des Chevaliers war eine vielfache Belohnung. Der Weg führte von Horns etwa 40 Kilometer nach Nordwesten, durchquerte ein breites, fruchtbares Tal, in dem die Sonne lastend brütete, und stieg schließlich steil zu dieser riesigen lestung empor, welche, die ganze Gegend beherrschend, von weither sichtbar ist. Was für eine Manifestation menschlichen Willens und christlichen Eifers! 150 Jahre lang haben hier fränkische Ritter mit 200 Mann Besatzung versucht, einen Wall gegen den Islam aufzurichten. Von der oberen Terrasse sieht man in Norden – wie viele sehnsüchtige Blicke mögen jahrelang von hier aus heimwärts nach Norden gerichtet worden sein? – eine zweite Burg und von dieser wieder eine andere, und so geht es weiter bis zu jenen, die, an der See gelegen, die Küste schützten.

Es ist vollkommen still. Fremde kommen nur selten herauf. Man durchwandert breite Gänge, die mit gewaltigen unregelmäßigen Steinen ausgelegt sind, durchschreitet riesige Räume, Kammern und Kapellen. Der Schatten des Turmes fällt schwarz auf das grell besonnte Pflaster, zwischen dessen Quadern Gras und an paar gelbe Blümchen wachsen. Um den Turn aber weht eine leichte Brise, die Kühle von den schneebedeckten Gipfeln des nahen Libanon bringt.

Im Horns hatte sich ein Taxifahrer angefunden, der drei Gäste beisammen hatte und bereit war, die nächsten 200 Kilometer nach Aleppo noch am gleichen Abend zurückzulegen. Und so starteten wir in die Dunkelheit hinein, mit 100-Kilometer-Geschwindigkeit und schreiendem Radio. Bis eine bei dieser Aktivität unvermeidliche Panne uns zum Stehen und Gott sei Dank auch die klagende Musik zum Schweigen brachte. Als wir schließlich lange nach Mitternacht in Aleppo anlangten, gab es keinen Platz in den Hotels. Plötzlich kam der Fahrer triumphierend mit zwei jungen Burschen an, die sich bereit erklärt hatten, mich gastfreundlich unterzubringen. Offenbar hatte er ihnen mitgeteilt, daß ich Deutsche sei, und als ich dann bemerkte, daß sie englisch sprachen, also wohl aus Palästina stammten, war mir klar, welchen Gefühlen diese Bereitschaft zu danken war.