Von unserem italienischen Korrespondenten Italo Zingarelli

Im politischen Leben Italiens vermißt man zwei Parteien, die bis 1922 – also vor der Ergreifung der Macht durch Mussolini und den Faschismus – immer im Vordergrund standen: die sozialistische und die liberale. Von ihnen hat die liberale Partei an Gelände eingebüßt, weil sie sich scheute, nach rechts zu rücken, um ihre eigenen Errungenschaften zu verteidigen (eine Scheu, die daher rührt, daß in Italien ein Konservativer meist mit einem Reaktionär verwechselt wird, obwohl die Liberalen in dieser Furcht zu weit gingen); die sozialistische Partei stand vor der großen Frage, ob sie in Moskau und im Kominform das Mekka des Marxismus anerkennen sollte oder nicht. Das Beispiel der österreichischen Sozialistischen Partei, die zwischen den beiden Weltkriegen ihre Stärke trotz völliger Unabhängigkeit von Moskau bewahren konnte, hat für Italien keine Bedeutung gewonnen, und die Hauptmasse der Sozialisten hat sich abgespalten, was nicht nur der Arbeiterbewegung schweren Schaden brachte: Pietro Nenni, ihr Führer, hat sich mit den Kommunisten verbündet vermittels eines Paktes, der etwa dem ähnelt, aus dem in der deutschen Ostzone die SED hervorgegangen ist; dabei hat er das Gros der Mitglieder mit sich ziehen können. Nenni gibt zwar zu verstehen, er müsse Togliatti nahebleiben, nicht um ihn zu helfen, sondern um ihn zurückzuhalten und ihn zu hindern, daß er hundertprozentig dem Willen Moskaus hörig wird. Aber das hält Togliatti nicht ab, sich Nennis zu bedienen, und dieser bleibt ihm treu, während einige seiner wertvollsten Mitarbeiter sich privat in Ausdrücken bewegen, die an ihrem blinden Moskaugehorsam außerordentlich zweifeln lassen.

Um es kurz zu sagen: Eine eigentliche, festgefügte sozialistische Partei besteht heute in Italien nicht, obwohl vor einigen Monaten der feierliche Gründungsakt der „Sozialistischen Partei Italiens“ stattgefunden hat, die aus der Verschmelzung der Italienischen Sozialistischen Arbeiterpartei (unter Führung von Giuseppe Saragat) mit einigen Splittergruppen hervorgegangen ist, deren hauptsächliche Vertreter Romita und Ignazio Silone waren. Die Verschmelzung zeigt sich aber jetzt schon als bloße Papierangelegenheit, als ein theoretisches Unternehmen, nachdem Saragat sich weigerte, in London an den Arbeiten des Rates der Sozialistischen Internationale teilzunehmen (wobei Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Romita den Ausschlag gaben). In der neuen sozialistischen Partei zeigen sich also dieselben Erscheinungen, die auch die liberale Partei so unwirksam machen: zu viele Führer, zu viele Persönlichkeiten, zu viele Ströjungen und zu wenig Anhänger. Nennis Sozialistische Partei dagegen hält innerlich zusammen – rächt zum mindesten deshalb, weil Nenni Führereigenschaften hat, Einfluß auf die Massen ausübt und über ein klares Programm verfügt. Zwar genießt er nicht das Prestige, dessen sich Filippo Turati erfreuen würde, wenn er noch lebte, aber sein demagogisches Temperament kommt ihm doch sehr zustatten. Er versteht anzugreifen, zu manövrieren, Versprechungen zu geben und großzügig zu sein.

Die Rolle des Hauptgegners fällt seinem früheren Freund Giuseppe Saragat zu, der ihm in demagogischer Hinsicht weit unterlegen ist. Saragats Sozialismus hat eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Sie gipfelt in der These, daß revolutionäre Mittel wie die Diktatur des Proletariats und die Vernichtung der Bourgeoisie zum Siege des Sozialismus nicht nötig seien. Damit ist der Sozialismus aus dem gewaltsamen Zertrümmerer einer alten in den friedlichen Baumeister einer neuen Ordnung umgewandelt worden. Aber was sagen diese Sozialisten, wenn sie dem kommonistischen Programm ein Programm von gleicher Anziehungs- und Überzeugungskraft entgegenstellen wollen? Dann behaupten sie, die Aufgabe der sogenannten herrschenden Klassen bestehe darin, zu zeigen, daß das Geheimnis des sozialen Fortschritts und des wirtschaftlichen Wohlstandes kein Monopol der Kommunisten sei, die die versprochenen Wohltaten von der Zuflucht zur Gewalt und von der Unterdrückung aller politischen und persönlichen Freiheiten abhängig machen. Dem revolutionären Sozialismus, der keine Existenzberechtigung mehr habe, stellen sie einen rationalen Sozialismus entgegen, der sich bemühe, die verschiedenen Etappen Schritt für Schritt aneinander zu fügen und die schmerzliche, blutige Erfahrung des Kommunismus zu vermeiden. Aber unter diesen Umständen dürfen sie sich nicht wundern, wenn die neue Lehre ihnen die Bezeichnung „rückschrittliche Bourgeois“ von Seiten der Kommunisten einträgt und ihrem Führer Saragat den Titel „Verräter am Sozialismus“.

Saragat mildert den Marxismus, um die Demokratie zu retten. Wahrscheinlich besteht darin seine Tragödie. Für die Intellektuellen und die gebildete Oberschicht gilt er als salonfähiger Sozialist (bei den Wahlen Vom 2. Juni 1946’stimmte sogar die Königin Maria José für ihn). Aber er zeigte sich weder als Führer noch als konstruktiver politischer Kopf. Er gleicht einem Fußballspieler, der immer nur Kopfbälle macht und sich aufs Kombinieren nicht versteht. Er ist sehr impulsiv, hat eine Neigung zu hochfahrendem Wesen, wirkt sehr von sich überzeugt und läßt sich ungern von andern beraten. Ohne Hemmungen gibt er sich Aufwallungen oder Depressionen hin, die seinem ganzen Verhalten eine Zickzacklinie mitteilen, so daß man ihn manchmal mit gefährlicher Schnelligkeit von der äußersten Rechten auf die äußerste Linke und von scharf oppositioneller Haltung zu freundlicher Bereitschaft, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, hinüberwechseln sieht. Schon heute wird er vielfach der „italienische Hamlet“ genannt. Obwohl die hamletschen Zweifel bei ihm nicht aus Unschlüssigkeit oder Seelenschwäche kommen, sondern aus dem Nachteil, in den ihn die Verantwortung für die neuen Methoden gebracht hat, die der italienische Sozialismus, dem englischen Laboursozialismus folgend, einschlagen mußte, um das von den Kommunisten geraubte Gelände zurückzugewinnen.

Für diese politische Uberzeugung sind aber die Massen leider noch nicht reif, und diejenigen bürgerlichen Gruppen, die sich gern von den Christlichen Demokraten lösen und einen Laboursozialismus mitmachen würden, zögern, weil sie in Saragat nicht den Führer sehen, der fähig wäre, sie zu diesem Ziel zu führen. Sie fürchten im Gegenteil, daß die für die Sozialdemokratische Partei Italiens abgegebenen Stimmen verlorengehen und sich infolgedessen als indirekte Hilfe für Togliatti und den Kommunismus erweisen werden.