Die Auffassungen über Grundlagen, Ziele und Methoden der Industrialisierung wirtschaftlich rückständiger Länder haben sich in den letzten drei Jahren entscheidend gewandelt. Besonders in den „neuen“ Staaten ist die Industrialisierung nach der Weltwirtschaftskrise von 1931 und in oder nach dem zweiten Weltkrieg zu einem politischen Programm der nationalen Unabhängigkeit geworden und hat sich von wirtschaftlichen Grundsätzen etwas entfernt. Hat man sich vordem auf die Erfahrung europäischer und amerikanischer Sachverständiger bei der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und dem Aufbau von Einzelanlagen gestützt, so nahmen die Planungen unter dem Einfluß politischen Ehrgeizes vielfach Ausmaße an, die das Leistungsvermögen der Länder in jeder Hinsicht überstiegen. In manchen Fällen wendete man den Hauptteil von Steuer- und Handelserträgen für die Errichtung von Großprojekten und komplizierten technischen Anlagen auf, wobei Schwerindustrie, Maschinenbau, chemische Industrie, Elektro- und Textilindustrie bevorzugt wurden. Man vernachlässigte aber den natürlichen Reichtum an Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Möglichkeiten und suchte auch auf diesen Gebieten durch Großprojekte, etwa der Bewässerung ausgedehnter Ländereien gleichzeitig mit der Elektrifizierung, wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, ohne daß die primitiven Landbau-Methoden eine entsprechende Nutzung ermöglichten.

Dabei ergab sich aus der Art der Planungen eine Konzentration von Industrien auf wenige Orte, vielfach ohne Zusammenhang mit der Gesamtwirtschaft des Landes. Wo solche Großindustrialisierungen nicht von Anfang an als Staatswirtschaft aufgezogen worden sind, führte doch die Finanzierung, Verwaltung und Planung zwangsweise zur Bewirtschaftung durch einen zentralen Apparat. Eine Folge der zentralen Bewirtschaftung war die Einführung fiktiver Preise und damit der Verfall einer echten Kosten- und Preisberechnung. Auch wo es sich nicht um Fehlinvestitionen handelte, verursachte die allgemeine Vernachlässigung kaufmännischer Prinzipien bei vielen Unternehmen eine Verlustbilanz. Oft aber ist die heimische Produktions- oder Absatzbasis zu schmal für die gewählte Art und Größe der Industrie, ist die Aufrechterhaltung des Betriebs von unvorhergesehen hohen Importen an Ersatzteilen und Ergänzungen abhängig.

Diese „nationalen“ Industrialisierungen und ihre weltwirtschaftlich abträglichen Folgen führten besonders nach Wiederkehr des „Käufermarktes“ 1949 dazu, daß die mit internationalen Hilfeleistungen betrauten Institutionen der UN und der USA zur Lösung herangezogen wurden. Bei den Anträgen um Dollarhilfe für Rationalisierungen und Industrialisierungen erwies es sich bald als notwendig, Untersuchungen über die Gesundheit der gesamten Volkswirtschaft anzustellen: Die relativ sparsamen Zuteilungen der Weltbank, der Internationalen Wiederaufbaubank, der US-Export-Importbank und privater Institute sind daraus zu erklären, daß diese Untersuchungen nur wenige positive Ergebnisse brachten. Eine Besserung der Verhältnisse ist im allgemeinen nur möglich, wenn wirtschaftliche Erschließungsmaßnahmen den Boden der Politik verlassen und sich auf den der kaufmännischen Kalkulation, der wirtschaftlichen Grundlagen und der technischen Möglichkeiten stellen. Aus den Empfehlungen internationaler Institutionen im Verein mit der wachsenden Leistungskraft europäischer Firmen des Anlagenbaues und mit europäischen und amerikanischen Fachberatungen darf man eine Wandlung in den künftigen Industrialisierungsmaßnahmen erwarten. Für die Richtung dieser Entwicklung können die Empfehlungen einer Kommission der Internationalen Wiederaufbaubank als typisch gelten, die im Vorjahr auf Einladung der türkischen Regierung ausgearbeitet worden sind. Die Türkei setzte einen „Standard“ im Neuaufbau von Staat und Wirtschaft, sie führte grundlegende Reformen in Sprache, Lebensgewohnheiten und wirtschaftlichen Einrichtungen durch, und sie schlug erfolgreich die Entwicklung von der autoritären zur parlamentarischen Staatsform ein. Ihr kommt daher eine beispielhafte Bedeutung zu.

Die alte Türkei war auf dem Großgrundbesitz, der Militärkaste und der kirchlichen Organisation aufgebaut, wobei jede wirtschaftliche Tätigkeit als nicht standesgemäß und fast als verächtlich galt. Infolge Verpachtung immer weiterer Rechte an ausländische Kreditoren und Unternehmen zur Deckung von „Staatsausgaben“ (z. B. Steuern, Münzrecht, Bergbau, Eisenbahn, Handelsmonopole) wurde die Türkei schließlich zum Objekt fremder Mächte. Es ergab sich später die Gleichsetzung von politischer mit wirtschaftlichen Unabhängigkeit nach dem Sturz des Sultanats und der Übernahme der Regierung durch Kemal Atatürk, der sich auf eine relativ alte militärische und politische Volksbewegung stützte. Erstmalig wendete sich der junge Staat dann der wirtschaftlichen Neuordnung zu, aber Ressentiments und Mißtrauen veranlaßten eine Gesetzgebung, die nicht nur die wirtschaftliche Betätigung von Ausländern unter türkisches Recht und zum Nutzen der türkischen Wirtschaft stellte, sondern die Schließung aller ausländischen Unternehmen bewirkte oder ihren Verkauf an den Staat erzwang. Aus Mangel an Kapital, kaufmännischen Erfahrungen und technischen Kenntnissen kam es so zu keiner nennenswerten Entwicklung der türkischen Wirtschaft, obwohl 1924 die halböffentliche Isch-Bank zur Finanzierung industrieller Betätigungen gegründet wurde und der Staat 1927 finanzielle Garantien und Kosten- oder Steuererleichterungen für den Erwerb von Land- und Grundbesitz und für Industriegründungen gewährte.

Während der Depression von 1930 sah sich der Staat veranlaßt, die wirtschaftliche Regie selbst zu übernehmen: 1933 erfolgte die Gründung der Sumer-Bank als staatliches Finanzierungs- und gleichzeitig Verwaltungsinstitut für Industriebetriebe; nachfolgend wurde die Eti-Bank für Bergbau und Energiewirtschaft errichtet und ein Fünf jahresplan zur Industrialisierung verkündet. Als 1950 die jetzige Regierung de Staatsführung übernahm, wies die Türkei eine vielfältige Industrie auf mit dem Schwergewicht auf Kohle und Stahl und mit Werken der chemischen Industrie, der Papier- und Kunstseidenerzeugung und des Maschinenbaues. So anerkennenswert diese Leistung des türkischen Volkes ist, so hat sich doch ergeben, daß die Aufvendungen von Kapital und Arbeit nicht den größtmöglichen Nutzen erbrachten. Zwischen 1935 und 1948 hat sich bei außergewöhnlich guten Ernten das Pro-Kopf-Einkommen nur um 9 v. H. erhöht – weniger als 1 v. H. pro Jahr –, und zwar stieg das Einkommen von 330 Mill. türkischen Pfund (LT, 1 LT = 1,50 DM) in 1936. auf nur 360 Mill LT 1948, bei einer Preiserhöhung um 500 v. H. seit 1938 und bei jährlichen Investitionen von durchschnittlich 450 Mill LT (Preise von 1948). Das Mißverhältnis zwischen Aufwendungen und Erträgen erklärt sich vor allem aus der allgemeinen Vernachlässigung der Landwirtschaft, des Bergbaues und des Transport- und Verteilungssystems. Hier sind mittlerweile auf Grund von Empfehlungen der ECA, der Weltbank und der Wiederaufbaubank gute Fortschritte erzielt worden.

Holzpflug und Lehmhütte

Von den 21 Millionen Einwohnern der Türkei leben 75 v. H. auf dem Lande, 80 v. H. aller Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft beschäftigt, jedoch rühren nur 50 v. H. des türkischen Nationaleinkommens aus Agrarprodukten her. Diese Produktion stammt hauptsächlich aus relativ wenigen Großbetrieben, während die Masse der Kleinbauern noch im Zeitalter des Holz„ pfluges“ und der Lehmhütten lebt. Aus den primitiven Arbeitsmethoden ergeben sich nur kärgliche Einkommen und folglich eine niedrige Lebenshaltung, ferner eine geringe Produktivität in Landwirtschaft und Gewerbe, wodurch diese Einkommensgruppen als Konsumenten für industrielle Produkte nahezu ausfallen Die Steuererträge der Landwirtschaft fließen der Industrialisierung zu, während die Industrie ihrerseits nicht genügend landwirtschaftliche Erzeugnisse verwertet und ihren natürlichen Markt in der Masse der Bevölkerung nicht findet. Was sich so als die Alternative „entweder Landwirtschaftshilfe oder Industrialisierung“ darstellt, ist nur die Verkennung des wirtschaftlichen Kreislaufs: Es ergibt sich, daß die Landwirtschaft – besonders der Türkei – die Basis einer Industrialisierung ist.