Von Rolf Reißmann

„Die Fortschritte der Krebsforschung und der Krebsbehandlung hinken hinter dem Krebs hinterdrein“, erklärte Professor Bauer, Heidelberg, bei einer Konferenz anläßlich der 69. Tagung der „Deutschen Gesellschaft für Chirurgie“ in München. „Mit allen unsern modernen Methoden werden wir in diesem Wettlauf immer noch geschlagen.“ – An dem Kongreß nahmen Referenten aus zwanzig Ländern teil. „Wir Deutsche fangen jetzt an, wissenschaftlich wieder aufzuholen; die ausländischen Kollegen kommen wieder zu uns, um zu uns zu sprechen und zu hören, was wir zu sagen haben. 80 v. H. unserer Kliniken waren zerstört. Kein Wunder, daß wir eine Zeitlang sehr ins Hintertreffen geraten waren“, sagte Professor Bauer.

Die Tagung behandelte eine Fülle von medizinischen Spezialgebieten. Als wichtigstes bezeichnete Professor Bauer das der Physiologie. „Die Zeit der rein anatomischen Chirurgie ist vorübtr. Die operativen Eingriffe sind so weit entwickelt und standardisiert, daß jetzt vier Internist im Operationssaal zur Geltung kommen muß. – Ein anderes Hauptthema war die operative Krebsverhütung. „Der Krebs muß eingeengt, eingekreist werden –: denn auf rein therapeutischem Wege ist das Problem unlösbar“, erklärte Professor Bauer. Von der Bekämpfung des sogenannten „Vorkrebses“ verspricht sich die moderne Chirurgie große Möglichkeiten.

Die Chirurgentagung wandte sich aufs schärfste gegen das geplante, im Bundesinnenministerium vorbereitete „Blutspendegesetz“. Alle deutschen Ärzteverbände haben bereits dagegen protestiert, ohne Gehör zu finden. Dem Bundesrat sind diese Proteste nicht einmal zugeleitet worden. Kein Land der Erde besitzt ein solches Gesetz, das, wie das geplante deutsche, eine geradezu groteske Einengung durch staatliche Mittel wäre, wo der Arzt, oft innerhalb von Minuten, über die Bluttransfusion, und daher über Leben und Tod zu entscheiden hat. 70 v. H. aller Transfusionen werden von Chirurgen vorgenommen, so daß diese sich in besonderem Maße berechtigt fühlen, mitzureden. – Eine eigene Sitzung war dem Thema „Chirurgie und Rechtsfragen“ vorbehalten, bei der die Juristen Engisch und E. Schmidt, Heidelberg, sowie der Chirurg Professor Stich, Göttingen, zu Worte kamen. Juristisch ist ja eine Operation immer noch „schwere Körperverletzung“ oder „schwere Körperverletzung mit Todeserfolg“, oder gar „Tötung“. Eine Reform des Straf rechts erscheint also gerade auf diesem Gebiete dringend nötig. Es geht um die Frage: Was darf ein Arzt? H. P. L.

Der Arzt wird nachts aus dem Schlaf geschreckt. Am Telefon ist der Mann einer Patientin: ihr ginge es schlecht, sie litte unter argen Schmerzen. Der Arzt weiß: die Frau hat hysterische Touren, sie hat ihn schon sechs- oder siebenmal unnützerweise gerufen! Der Arzt überlegt: er muß morgen früh von acht bis elf operieren. Soll er sich die Nachtruhe rauben lassen? Ist sein Schlaf nicht wichtiger? Er lehnt ab. Tags darauf stellt sich heraus, daß die Schmerzen diesmal begründet waren: akute Blinddarmentzündung – die Patientin, wird gerade noch gerettet. Hat der Arzt seine Sorgfaltspflicht verletzt?

Ein anderer Arzt versorgt ein fiebriges Kind und schärft der Mutter ein, sie solle anderntags anrufen, falls das Fieber nicht zurückgegangen sei. Die Mutter ruft nicht an. Das Kind stirbt. Hat der Arzt seine Sorgfaltspflicht verlern, indem er nicht doch nachschauen ging? Das Gericht erklärte: ja – denn er hätte erkennen müssen, daß die Mutter, so dumm ist, daß ihr weder der Gebrauch des Fieberthermometers noch des Telefons zuzumuten sei.

Ein theoretischer, Fall: Gesetzt, bei einer Operation bräche eine Nadel ab, ohne daß der Arzt es merkt: die Operationsschwester merkt es erst, als der Arzt die Wunde schon wieder halb zugenäht hat. Der Arzt zuckt die Achseln und näht weiter zu; blitzschnell hat er überlegt, daß das Wiederaufmachen und das Suchen nach der Nadel den Patienten in größere Gefahr bringt, als wenn er die Nadel beläßt. Juristisch gesehen, hat er gegen sich selbst gehandelt: Das sofortige Herausholen der Nadel hätte nicht beanstandet werden können, wäre wahrscheinlich nie einem Richter offenkundig geworden, während das Röntgenbild der abgebrochenen Spitze später gegen den Arzt zeugen konnte.