Zur Wiedereröffnung des Schlosses Elmau / Von Martha Maria Gehrke

Den meisten von uns ist „die Elmau“ noch ein Begriff. Schloß Elmau war – wie sagte man noch? – die Fortsetzung von Schloß Mainberg, der ersten „Pension nach neuen Gesichtspunkten“, die der Philosoph und (theoretisierende) Theologe Johannes Müller vor bald einem Halbjahrhundert begründet hat. Ein geistiger Mittelpunkt mit Komfort und ohne Zwang. Ein modernes Schloß als Rahmen, mit Kreuzgängen, aber ohne Muffigkeit, mit allen Annehmlichkeiten eines Hotels und dazu der Atmosphäre privater Gastlichkeit. Stubenmädchen und Kellnerinnen wurden durch hübsche junge Geschöpfe aus gutem Haus ersetzt, Helferinnen genannt; aber auch das unvermeidliche „Personal“, wie Hausburschen oder Kutscher, erhielt den Stempel menschlicher Gleichheit, indem es beispielsweise bei den Tanzabenden mitsprang. Es wurde viel gesprungen, denn es waren nur deutsche Tänze erlaubt. Die Tischordnung in der großen Eßhalle wechselte täglich, so daß jeder mit jedem in Berührung kam. Für Getränke und dergleichen schrieb der Gast sich selbst seinen Gutschein aus. Der Gründer hielt Vorträge aus dem Gebiet seiner Lebensphilosophie und hatte eine Sprechstunde. Man konnte hingehen, man mußte nicht. Ebenso verhielt es sich mit den Musik-Künstler bei denen hervorragende Künstler im verdunkelten Saal konzertierten; Beifall war verbeten.

Dann kamen, wie die Einführungsschrift zur Wiedereröffnung es diskret nennt, „zehn Jahre staatlicher Nutzung“. Johannes Müller, über dessen Entwicklung in der Nazi-Zeit zu rechten hier nicht der Platz ist, starb 1949 mit 85 Jahren. Im letzten Sommer haben seine Erben wieder einen Notbetrieb eröffnet, in diesem Winter die volle Inbetriebnahme gewagt. Sie wurde ein durchschlagender Erfolg.

Den Zimmern, Sälen, Gesellschaftsräumen, dem Schloß im ganzen ist wenig mehr von den Schäden der jüngsten Vergangenheit anzumerken. Das Haus kann 180 Gäste aufnehmen – für 220 wird nach der Generalüberholung Platz sein –, die sich bei den enormen Ausmaßen des Baues weder auf die Füße treten, noch auf die Nerven fallen. Neue Helferinnen sind da, alte Mitarbeiter kamen auf die Nachricht von der Wiedereröffnung, manche, nachdem sie sichere und einträgliche Posten aufgegeben hatten. Es gibt wieder Tanzabende und Tanzstunden für diejenigen, in deren Jugend noch Rheinländer und Quadrillen ertönten. An einem Abend spielt Rosl Schmid, eine der führenden Pianistinnen der Gegenwart; an einem anderen Olga Schwind, die Meisterin der Musica Antiqua mit ihrer einzigartigen Sammlung von Instrumenten, die bis ins neunte Jahrhundert zurückreichen, und ihrem umfassenden Repertoire mittelalterlicher bis barocker Lieder aller Sprachen. Das also ist alles geblieben, wechselnde Tischordnung einbegriffen.

Unveränderlich natürlich ist die Landschaft, das wunderbare Hochtal mit Almen, dichten Wäldern und nahen Seen unter der grandiosen Wand des Wettersteingebirges; das Tal, in dem nur das Schloß steht, das „Müllerhaus“, das Schloßgut Elmau und ein oder zwei Privathäuser des Müller-Clan, der allmählich in die dritte Generation gewachsen ist. Aber grade diesem Hochtal, Hintergrund und wahrhafter Wurzelboden der ganzen Oase, droht die erste einschneidende Veränderung. Der Begründer hat seine Gäste noch mit Fuhrwerk und Schlitten abholen lassen, jede andere Beförderung war verboten. Jetzt fahren die Autos von Klais herauf, natürlich nicht nur die vom Schloß, sondern auch die der Gäste. Und eine breite Autostraße „zur Holzabfuhr“ droht den Frieden dieser Ruhe-Insel zu vernichten.

Die Elmau aber ist in ihrem Kern das geblieben, was sie immer war: eine Zuflucht für diejenigen, die vorübergehend aus der Zeit fliehen wollen und können. Die Helferinnen, die am Sonntagmorgen mit Chorliedern das Schloß durchwandern, der Tanz, selbst die Musik – alles ist auf Zeitabgewandtheit eingerichtet. Der schwerste Krieg, die schlimmsten Nachkriegszeiten haben daran nichts geändert, im Gegenteil. Denn entgegen dem Sprichwort ändern sich zwar die Zeiten, wir aber nur bedingt mit ihnen. Zeitabgewandtheit aber bedeutet auf Schloß Elmau nicht. Zeitfeindlichkeit. Wahrscheinlich läßt sich jede Zeit nur ertragen, wenn man ihr gelegentlich entflieht.

Es ist beabsichtigt, wieder ein dem geistigen Austausch dienendes Mitteilungsblatt zu schaffen; früher waren es die „Grünen Blätter“. Auch die Musikwoche zu Pfingsten, die es einst gab, soll wieder abgehalten werden. Es gibt viele Pläne, in die man nur eines nicht einbezogen hat und nicht einbeziehen kann: den „geistigen Mittelpunkt“. Er war jahrzehntelang in der Person des Gründers vorhanden. Man kann nicht eine „führende geistige Persönlichkeit“ importieren und weltanschauliche Vorträge halten lassen, zumal der Begriff Weltanschauung viele allmählich etwas kopfscheu macht. Man kann nur warten, ob wieder etwas wächst, ohne geistigen Kunstdünger.