Von unserem süddeutschen Korrespondenten Hubertus

Prinz zu Löwenstein

Sie fragen, ob man hier noch an den König denkt? Mein Vater war dabei, als ihn die Schwangauer Feuerwehr – denn die war’s, und nicht die Füssener! – befreien wollte. Die Regierungskommission, die ihn abzusetzen kam, wollten sie in die Bellatschlucht werfen!“ So erzählte mir mit allemannischem, ans Schweizerische erinnerndem Tonfall ein vielleicht fünfzigjähriger Mann, der unterhalb der Burg Neuschwanstein Touristenartikel und Photographien verkaufte. Die Wiedergabe des berühmten Bildes des jungen Königs Ludwig II. im Ordensornat der St. Georgsritter fand sich im Laden in allen Größen und Preislagen vor. Und während er erzählte, zog ein Frühlingsgewitter herauf. Der Alpsee tief unter uns wurde rot und gold, und flackernder Schein fielen auf die marmorne Gralsburg, in der sich der vorletzte Akt abgespielt hat – der vorletzte Akt einer Shakespeareschen Königstragödie, inmitten eines bürgerlichen Zeitalters. Absetzung und dann der Tod. „Ob man an ihn denkt, haben Sie wissen wollen? Ja, weil er nämlich ein richtiger König war.“

Seul vrai Rot de ce siècle – das hatte Paul Verlaine geschrieben. Er lebt also weiter, dieser Märchenkönig, der in renntierbespannten Schlitten durch das Land fuhr und der, trotz seinem Wunsche nach unumschränkter Souveränität, so viel für die Begründung des deutschen Kaiserreichs tat. Bismarck hat ihn geschätzt, der große Realist, der den „Romantiker“ nicht verachtete.

Es mag einer in Bayern Monarchist oder Republikaner sein – hier lebt eine Tradition, an der niemand vorübergehen kann. Und nirgends ist sie so stark wie in dieser innersten Kammer deutscher Geschichte und Kultur, dem „Pfaffenwinkel“, das heißt dem Gebiete, südwestlich von München, bis hinunter nach Mittenwald und Füssen. – Schloß Linderhof, das bayerische Sans-Souci, von wo der gehetzte König drei Tage vor seinem Tode im Starnberger See nach Neuschwanstein floh, umfängt, den Besucher mit einem nostalgischen Schimmer.

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Ein anderer Wittelsbacher gleichen Namens, Kaiser Ludwig der Bayer, hat nicht weit von Linderhof ein unsterbliches Denkmal geschaffen: Kloster Ettal, erbaut 1330, zur Erfüllung eines Gelübdes für die glückliche Heimkehr vom Krönungszug nach Rom. Das war der Mann, unter dem der hohenstaufische Wunsch nach der vollen, nur Gott unterworfenen Macht des Reiches in Erfüllung zu gehen schien und zu dem Wilhelm von Occham sagte: „Verteidige mich mit dem Schwerte, o Kaiser! Ich will dich mit dem Worte verteidigen“ – Ausdruck eines herrlichen Bündnisses von Macht und Geist! Ein Zeitgenosse des Kaisers hat Ettal „ein Kloster, von neuer und unerhörter Art“ genannt. Außer den zwanzig Mönchen sollten auch zwölf Ritter und ihre Frauen das marmorne Gnadenbild der Mater Amabilis von Giovanni Pisano hüten. Es ist noch heute das innerste Arcanum von Ettal. Durch mehr als sechs Jahrhunderte ist ein Strom von Pilgern hierher gezogen, zur „Frau Stifterin“, wie der kaiserliche Gründer in schlichter Demut selbst gesagt hat.