In dem Geschäftsbericht, den die Hamburgische Electricitäts-Werke Akt.-Ges. ihrer Hauptversammlung am 29. April vorgelegt hat, führt die Verwaltung bewegte Klage über die Schwierigkeit, den anwachsenden Strombedarf zu befriedigen. Sie weist auf die Notwendigkeit hin, unverzüglich mit dem Bau von neuen Kraftwerken zu beginnen und beziffert. dabei die Kosten der erforderlichen Erweiterungsbauten auf 50 Mill. DM. Die Beschaffung dieser Mittel sei jedoch bisher in ausreichendem Umfang nicht möglich gewesen. Schädigende Rückwirkungen auf das gesamte hamburgische Wirtschaftsleben müßten befürchtet werden...

Angesichts dieser Kassandrarufe muß man daran erinnern, daß der Hamburger Senat die vorhandenen Möglichkeiten einer Kapitalbeschaffung, die noch vor wenigen Monaten bestanden, verspielt hat. Es bestand damals die Absicht, eine Wandelanleihe aufzulegen in Höhe von etwa 30 Mill. DM. Indes – der hamburgische Staat, als der Mehrheitsaktionär der HEW – hat es für richtig befunden, die Auflegung von Wandelobligationen strikt abzulehnen. Dies Verhalten hat zunächst verblüffend gewirkt, und verdutzte Gesichter gab es auch auf einer Pressekonferenz, als Bürgermeister Brauer sich zu diesem Thema äußerte. Auf die Frage, wie anders denn die erforderlichen Mittel bereitgestellt werden könnten, gab er die simple Antwort, daß die Gesellschaft sicherlich noch weitere ECA-Kredite erhalten könnte. Seinen Optimismus in allen Ehren – aber jedermann wußte ja damals bereits, daß die ERP-Gelder (und damit die Gegenwertmittel) im Auslaufen begriffen waren; der HEW-Geschäftsbericht stellt jetzt hierzu noch ausdrücklich fest, daß im Rahmen des ERP-Programms keine Mittel für die Elektrizitätswirtschaft mehr zur Verfügung stehen. Ebenso sei auch der Markt für die Aufnahme von normalen Schuldverschreibungen verschlossen, und die Hoffnungen auf die Investitionshilfe dürften ebenfalls nur zum kleinsten Teil erfüllt werden.

Um die hamburgische Stromversorgung der Zukunft ist es also schlecht bestellt, und zwar einzige und allein deswegen, weil der Hamburger Senat nun einmal gegen die Auflegung von Wandelanleihen durch seine Versorgungsbetriebe ist... Man muß nicht allzuweit suchen, um die wirklichen Gründe dafür zu finden: parteipolitische Gründe nämlich.

Von insgesamt 150 Mill. DM Aktienkapital der HEW liegen jetzt gut 70 v. H. in den Händen des Staates; auf Grund des Besitzes sämtlicher, Vorzugsaktien, die allein 400 000 Von insgesamt 1 890 000 Stimmen gewähren, kann er bei Abstimmungen sogar 78 v. H. in die Waagschale werfen. Die Vertreter Hamburgs verfügen also über die qualifizierte Mehrheit. Sie ermöglicht jederzeit die Vollsozialisierung des Unternehmens, die der hamburgischen Sozialdemokratie schon seit Jahren als anstrebenswertes „Fernziel“ vorschwebt. Kennt man diese Zusammenhänge, dann ist auch unschwer zu erraten, warum die Auflegung einer Wandelanleihe inhibiert worden ist. Jede Kapitalerhöhung durch die privates Kapital neu beteiligt würde, müßte ja die gegenwärtige Dreiviertelmehrheit beseitigen. Also durfte dieser Weg der Kapitalzufuhr, so aussichtsreich er auch war, nicht beschritten werden ... Ein besonderes Schlaglicht erhält die ganze Angelegenheit noch dadurch, daß man im Hamburger Rathaus auch den Versuch gemacht hat, die Begebung einer Wandelanleihe durch die Nordwestdeutsche Kraftwerke A. G. (die in erheblichem Umfange Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit Strom versorgt) zu verhindern. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Hamburg und bedurfte bei ihrem Vorhaben daher auch des Placets des hamburgischen Staates, das dann schließlich doch, freilich erst nach ziemlichem Sträuben, gegeben worden ist.

Es hat also im Falle der HEW, wie schon so oft, bei dem Aufeinanderprallen von Staatsraison und Parteidoktrin wieder einmal die Doktrin gesiegt. Der Leidtragende ist die Bevölkerung (und die Wirtschaft) Hamburgs, die in den kommenden Jahren, spätestens von 1954 ab, mit wachsenden Stromversorgungsnöten zu rechnen haben wird. Die Chance, die sich geboten hatte, ist für absehbare Zeit vertan, denn der ohnehin begrenzte’Kapitalmarkt ist für die Aufnahme von Wandelschuldverschreibungen jetzt kaum noch aufnahmebereit. Also: woher nun das Geld nehmen? Rubor