Der Währungsschnitt hatte auch bei der Lebensversicherung schwere Verluste offengelegt: die Deckungsmittel wurden im Verhältnis 10:1 zusammengelegt; nur 60 v. H. der RM-Versicherungssumme blieben in DM bestehen, was einem Versicherungsbestand von 15,5 Mrd. D-Mark nach dem Stichtag entsprach. Nach anfänglichen weiteren Rückgängen setzte aber bereits ab Ende 1948 ein lebhaftes Neugeschäft ein: vom 21. Juni 1948 bis 31. Dezember 1950 wurden neue Versicherungen über ca. 7,3 Mrd. DM abgeschlossen einschließlich – wieder aufgelebten und erhöhter Versicherungen. Inder gleichen Zeit nahmen die Gesellschaften 1,77 Mrd. DM für Prämien ein, von denen 608 Mill. DM an Versicherungsleistungen ausgezahlt wurden. Neben Steuererleichterungen dürfte das Neugeschäft vor allem durch das Verlangen nach Versicherungsschutz, hervorgerufen nach dem Fortfall der Vermögen, bestärkt worden sein. Aus jetzt vorliegenden Statistiken für die Zeit von Juni 1948 bis zum 30. Juni 1951 geht hervor, daß in diesen drei Jahren 1,103 Mrd. D-Mark für Kapitalanlagen vornehmlich langfristigen Charakters von den Lebensversicherungsgesellschaften aufgebracht wurden. Diese Zahl zeigt, daß die Lebensversicherung ihre früher innegehabte Schlüsselposition am Kapitalmarkt in vollem Umfang wieder einnimmt. Berücksichtigt man die Abgänge von Vermögenswerten (ohne Ausgleichforderungen), so ergibt sich laut „Wirtschaft und Statistik“ ein Gesamtzuwachs der Kapitalanlagen zwischen Juni 1948 und 30. Juni 1951 von rd. 1 Mrd. Mark. Davon entfallen 339 Mill. auf 1949 und 363 Mill. DM auf 1950. Die bisher von Halbjahr zu Halbjahr zu beobachtende aufsteigende Kurve der Neuanlagen wird sich voraussichtlich in Zukunft etwas verflachen, da auch bei den Neuabschlüssen von Lebensversicherungen der vorhandene „Nachholbedarf“ im wesentlichen befriedigt sein dürfte, und weil die Gesellschaften seit Mitte 1951 nach Aufhebung der Rückkaufsperre für gekündigte und prämienfreie Lebensversicherungen etwas mehr liquide Mittel für Rückzahlungen unterhalten müssen.

Die Neuanlagen der Gesellschaften lassen einen interessanten Strukturwandel gegenüber der Vorkriegszeit erkennen: vor dem ersten Weltkrieg war die erststellige Wohnhaushypothek die klassische Anlageform der Lebensversicherung, auf die über 70 v. H. des Anlagekapitals entfielen. Auch zwischen den Kriegen dominierte diese Anlageform noch, jedoch gewann der Grundbesitz und der Erwerb von Wertpapieren (außer Aktien) an Boden. Später, in den dreißiger Jahren, und während des zweiten Weltkrieges, waren die Gesellschaften gezwungen, einen immer größeren Teil ihrer Kapitalien in Reichstiteln anzulegen; Ende 1943 hatten die Wertpapiere etwa 60 v. H. der Gesamtanlagen erreicht. Aus diesem Verhältnis der Anlagen, lassen sich die schweren Verluste der Gesellschaften bei Kriegsende ablesen, als die Reichstitel wertlos wurden. Nach der Geldumstellung begann dann erstmalig in Deutschland (im Gegensatz zur englischen, schon immer die Aktie zulassenden Anlagepolitik) der Industriekredit eine Rolle zu spielen. Bis Mitte 1949 hielten sich Wohnbaukredite und längerfristige Industriekredite annähernd die Waage, während in den darauffolgenden beiden Jahren das langfristige Wohnbaudarlehen wieder in den Vordergrund trat. Die Gesellschaften hatten sich nämlich verpflichtet, 50 v. H. ihrer Anlagemittel dem Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen; sie wandten sich also wieder mehr der klassischen deutschen Anlagepolitik zu.

Von den seit der Währungsreform bis Mitte 1951 ausgeliehenen 1,1 Mrd. DM entfallen 431 Mill. oder 39 v. H. auf Hypothekarkredite (fast ausschließlich für den Wohnungsbau), 319 Mill. oder 29 v. H. auf Schuldscheinforderungen und Darlehen (vor allem an öffentliche Unternehmungen, Kommunen und Geldinstitute) und 160 Mill. oder 14 v. H. auf Industriekredite. Während letztere Mitte 1949 noch fast 25 v. H. aller Anlagen ausmachten, betrugen sie von Mitte 1950 bis Mitte 1951 nur noch 6 v. H. aller Neuanlagen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieser Rückgang mit der zunehmenden Erholung der meisten Industriezweige zusammenhängt. Auf die Anlage in Wertpapieren entfielen in den untersuchten drei Jahren 149 Mill. DM oder 13 v. H. aller Neuanlagen. Der Wertpapierbesitz verminderte sich also beträchtlich gegenüber der Kriegszeit. Die restlichen Anlagen bestanden in Grundbesitz sowie Beleihungen der Versicherungspolice. In ersteren ist der Neuerwerb und Wiederaufbau eigener Wohn- und gewerblicher Grundstücke enthalten, einschließlich also, auch der Verwaltungsgebäude.

Trotz dieses im ganzen doch erfreulichen Wiederaufbaues des Lebensversicherungsgeschäftes und damit der für die ganze Volkswirtschaft so wichtigen langfristigen Kapitalanlagen besteht ein schwieriges Problem darin, daß Mitte 1951 noch 56 v. H. aller Deckungsmittel der Lebensversicherungswirtschaft in den schwer beweglichen und nur mit 3 1/2 v. H. verzinslichen Ausgleichsforderungen bestand. Inzwischen dürfte dieser Anteil im Zuge des wachsenden, Anlagevolumens auf etwa 50 v. H. zurückgegangen sein. Bei Sparkassen beträgt der Anteil der Ausgleichsforderungen an der Bilanzsumme noch etwa 27 v. H., bei den Banken nur noch knapp 10 v. H. Von diesen Ausgleichsforderungen gegen die Länder, die bei der Währungsreform ein unentbehrliches Hilfsmittel darstellten, um die gewaltige Lücke zu stopfen, die durch den Ausfall der Reichstitel entstanden war, entfallen auf die Lebensversicherung allein etwa 1,7 Mrd. DM.

Dieser Block, der bisher nur verzinst, aber nicht getilgt wird, stellt deswegen eine Gefahr für alle Inhaber dar, weil die alten Verpflichtungen, zu deren Deckung die Ausgleichsforderungen eingestellt wurden, aus laufend aufkommenden neuen Mitteln abgedeckt werden müssen. Dadurch rücken die Ausgleichsforderungen automatisch zur Deckung neuer DM-Verbindlichkeiten auf. Es besteht kein Zweifel, daß das ein unhaltbarer Zustand ist, der zu erheblichen Liquiditätskrisen führen kann. Der schon diskutierte Gedanke, die Ausgleichsforderungen langsam abzuschreiben, ist wohl abwegig, da es nicht so leicht sein dürfte, die 1,7 Mrd. DM zu verdienen, die dieser Block ausmacht. Vielmehr sollten sich die Länder allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, die Ausgleichsforderungen zu tilgen. Wenn in dieser Angelegenheit wenigstens einmal ein Anfang gemacht würde, schwände das Mißtrauen, das die Privatwirtschaft gegen alle vom Staat übernommenen Verpflichtungen hat und leider immer wieder haben muß. C. v. Sydow