Von Unternehmerseite des Steinkohlenbergbaues wird uns ein Beitrag zur Verfügung gestellt, der sich mit dem wieder entbrannten Streit um den einheitlichen deutschen Kohlenverkauf befaßt. Die Alliierten wollen den Kohlenverkauf zerschlagen, während man auf deutscher Seite, den bewährten einheitlichen Kohlenverkauf vorzieht.

Wen das Schicksal dazu ausersehen hat, unter mehreren Geschwistern der „größere Bruder“ zu sein, der wird feststellen, daß diese Stellung neben wenigen Vorteilen erhebliche Nachteile mit sich bringt. Nicht nur, daß der Größere das Vorbild für die übrigen sein soll; über ihn ergießt sich auch die ganze Strenge des Erziehungsberechtigten. Bei den Kleineren läßt sie dann schon nach. Daß hierin eine Ungerechtigkeit, weil eine ungleiche Behandlung liegt, wird oft übersehen. Aber der betroffene-große Bruder selbst konstatiert sie mit um so feinerem Empfinden, gleichgültig, ob er ein Einzel- oder ein Gemeinschaftswesen ist, das die Rolle des Größeren unter seinesgleichen spielen muß.

Soll es heute in diesem Sinne einen großen Bruder im deutschen Kohlenbergbau geben? Der nur deswegen anders – und zwar schlechter – behandelt wird als seine kleineren Bergbau-Geschwister, weil er der Große ist? – weil man aus Prinzip an ihm das Exempel statuieren will, um dann die Kleineren in Frieden zu lassen? Es hat fast den Anschein, daß es so kommen wird.

Gemeint ist die Zersplitterung, die Schwächung, die mit wirtschaftlicher Einsicht nichts mehr zu tun hat. Niemand kann mit wirtschaftlichen Erwägungen begründen, daß die Verkaufsorganisation des Ruhrkohlenbergbaues zu groß oder zu umfassend sei und daß eine Teilung der Organisation der Sache diene. Die Teilung ist aber von den Alliierten vorgesehen, wie das aus dem jüngsten Schreiben der Alliierten Hohen Kommission vom 21. März 1952 an den Bundeswirtschaftsminister hervorgeht. Auch der Entwurf einer Anordnung, durch die das Kleid des großen Bruders Ruhrkohle geteilt werden soll, liegt bereits vor. Das Ganze sieht nach einer vorweggenommenen Erbteilung aus. Das Gemeinschaftswesen der Ruhrkohle ist noch nicht tot; aber die Erbmasse soll schon zu ihren Lebzeiten zerstückelt werden.

Sechs Verkaufsgesellschaften sollen an die Stelle des bisherigen einen Kohlenverkaufs treten, der sich in guten und schlechten Zeiten nicht nur als ein kräftiger Organismus erwiesen, sondern auch in jeder Lage das Beste geleistet hat. Sechs Organismen, die jeder für sich nicht kraftvoll leben können. Nicht umsonst besaß das Ruhrrevier bisher eine einheitliche Organisation, die alle uneinheitlichen geologischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ausgleichen konnte. Die sechs einzelnen Verkaufsgesellschaften werden.nicht mehr jede für sich den guten gewogenen Durchschnitt der Wirtschaftlichkeit, aber auch nicht mehr die erforderliche Vielgestaltigkeit der anzubietenden Sorten aufweisen, die von der Wirtschaft verlangt werden. Über diesen sechs Verkaufsgebilden würde nach dem Plan der Alliierten Hohen Kommission zwar eine Gemeinschaftsverwaltung stehen, die aber in den Ablauf des Wirtschaftsprozesses kaum eingreifen kann, da sie im allgemeinen nur empfehlen darf.

Das, was von dem großen Bruder Ruhrkohle übrigbleiben soll, ist nur noch sein Schatten. Dabei haben die eigenen Geschwister nichts gegen ihn im Sinn. Es ist wohl die von außen kommende Tendenz, daß unter eine einmal begonnene Entwicklung – auch wenn sie inzwischen noch so weit überholt sein sollte – der gebührende Schlußpunkt gesetzt werden muß. Und die Nachteile haben nun einmal den größeren Bruder zu treffen. Zu fragen, warum das in diesem Falle so geschehen muß, ist ziemlich müßig. Sicherlich spielt dabei auch eine gewisse Sorge auswärtiger Vettern eine Rolle, die es aus Sicherheitsgründen lieber sehen, statt mit einem Verwandten in einer Gemeinschaft von selbständigen Erben zu verhandeln. Denn es ist ein Unterschied, ob der Vetter von der Ruhr in einem Vertrag mit seinen auswärtigen Verwandten etwa allein die Hälfte der Kapazität einbringt, oder ob es sich um sechs gleichberechtigte und selbständige Erben handelt.

Es ist gewiß, der Ruhrbergbau wird erkennen, daß ihm das Schicksal des größeren Bruders zugedacht wurde und daß er sich dagegen zu wehren hat. Nicht seines eigenen Interesses wegen, sondern er hat die Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit. Br.