An den Wertpapierbörsen drückte die nun schon seit Wochen. anhaltende lustlose Tendenz weiter auf das Geschäft, das seinem Umfange nach nur noch einen Teil dessen darstellt, was es in den „goldenen“ Zeiten der lang anhaltenden Hausse war. Konjunkturverluste, unübersichtliche Warenmärkte, Schwierigkeiten in der Textilwirtschaft, Unklarheiten bei der Montanentflechtung und schließlich die gescheiterten Saarverhandlungen werden für diese Flaute verantwortlich gemacht. Wenn diese Faktoren auch zu mancherlei Verstimmungen Anlaß gegeben haben, so können sie doch kaum allein als befriedigende Erklärung für die rückläufige Bewegung gelten, da sie zum größten Teil schon während der Aufwärtsbewegung bekannt waren – nur glaubte man, ihnen damals keine Beachtung schenken zu brauchen.

Bankiers und Börsenhändler stehen also vor einem Rätsel: das Publikum hält sich beharrlich von den Börsen fern trotz aller guten Ratschläge, doch jetzt zu den ohne Zweifel sehr günstigen Kursen „einzusteigen“. Mit Recht weist man darauf hin, daß eines Tages auch wieder das Ausland und die Sperrmark ins Geschäft kommen wollen (nach Abschluß der Londoner Schuldenkonferenz?), und dann dürften viele gute Chancen endgültig verpaßt sein. Aber nach gutem alten Börsenbrauch stellt sich die Masse der Käufer erst dann ein, wenn die Kurse wieder aufwärtsgehen und das Material knapp wird.

Im Augenblick genügen schon kleinste Beträge (2000 bis 3000 DM), um die Kursentwicklung negativ zu beeinflussen. Das beweist, wie eng der Markt wieder geworden ist und welchen Weg die deutschen Wertpapierbörsen noch vor sich haben, um als voll funktionsfähig gelten zu können. Erfreulich ist dabei aber, daß Notverkäufe größeren Stils nirgends festzustellen waren, und daß sich in solchen Fällen aufnahmebereite Hände fanden, die einen besorgniserregenden Kurssturz verhinderten. Das ist vor allem ein Verdienst jener aktiven Börsenkräfte, die sich seit der Währungsreform unablässig um die Wiederherstellung eines gesunden Geschäftes bemühten, und die die Früchte ihrer Arbeit nicht durch die ersten’sich einstellenden Schwierigkeiten gefährdet wissen wollen.

Die Montane mußten ihre vor Ostern erzielten Gewinne wieder hergeben, lediglich Gutehoffnungshütte konnten ihren Stand ziemlich behaupten, da sich hier die Gerüchte über eine günstige Aufstockung am hartnäckigsten hielten. Bei einer Reihe von Spezialpapieren wirken sich die neu aufgelegten Wandelanleihen ungünstig auf den Kurs aus. Das ist namentlich der Fall bei Siemens (trotz der günstigen Bilanzen) und auch bei Daimler, Mancher Aktionär beschafft sich die Mittel zur Erwerb, dieser Anleihestücke (die ihm 6 1/2 v. H. Zinsen bringen) durch Verkauf von Aktien, zumal er nach wenigen Jahren die Aktien im Umtausch billiger zurückhaben kann. Die Mittel, die durch die Wandelanleihen gebunden werden, sind beträchtlich und gehen – das spürt man Jetzt – dem laufenden Geschäft verloren. Überdies stellt man neuerdings in Bankkreisen fest, daß der Markt der Wandel an leihen im Augenblick und für die nächste Zukunft gesättigt ist. Daher dürfte eine Reihe von angekündigten Anleihen (Siemens & Halske 60 Mill., Daimler 24 Mill. Deutsche Linoleumwerke 6 Mill. und Victoria-Werke 1,225/Mill. DM) erst dann zur Zeichnung aufgelegt werden, wenn sich der Markt einigermaßen konsolidiert hat.

Im Gegensatz zu der schwachen Allgemeintendenz standen die Aktien der ehemaligen Großbanken. Sie konnten in den letzten Tagen vor dem Wochenschluß am 25. April etwas aufholen und blieben auf der erhöhten Basis gesucht (Commerzbank 55 1/2 G. Deutsche Bank 64 G und Dresdner Bank 64 1/2 G). Schiffahrtswerte, die sich im Zuge der rückläufigen Bewegung bisher als überraschend stabil erwiesen, lagen dagegen im Angebot und gaben mehrprozentig nach. Das gleiche gilt für die Kunstfaserpapiere, wo die Verluste bei Chemiefaser in einer Woche 9 Punkte betragen. Auch Hansa-Mühle-Aktien haben sich immer noch nicht gefangen. Gegenüber dem Jahresultimokurs von 95 wäre der Rückgang auf 45 bei einem 2:1 zusammengelegten Aktienkapital sensationell, wenn man nicht wüßte, daß der damalige hohe Stand durch Käufe konkurrierender Gruppen erreicht wurde. – Der Rentenmarkt blieb weiterhin das Stiefkind der Börse. Jedoch sind die Kurse hier behauptet, Angebot und Nachfrage gleichen sich bei den effektiven Stücken aus, während für Zuteilungsrechte die Kaufneigung an manchen Tagen überwog. –ndt.