Von Ministerialdirektor Dr. Vollrath Freiherr von Maltzan

Das Jahr 1951 brachte dem Außenhandel der Bundesrepublik ein Ergebnis, das auch bei optimistischer Beurteilung der Entwicklung zu diesem Zeitpunkt noch nicht erwartet werden konnte. Der Ausfuhrerlös von 14,579 Mrd. DM deckte den Einfuhrwert von 14,726 Mrd. DM zu 99,2 v. H., so daß von einem annähernden Ausgleich der gesamten Warenbilanz gesprochen werden kann. Rechnet man vom Einfuhrwert die nicht aus Ausfuhrerlösen bestrittenen Hilfseinfuhren, insbesondere aus Marshall-Plan-Mitteln, ab, so ergibt sich sogar ein Ausfuhrüberschuß von 1,652 Mrd. DM.

Dieses günstige Gesamtbild verdeckt allerdings die noch bestehenden Schwierigkeiten, die bei einer Gliederung des Außenhandels nach Zahlungsräumen deutlich werden, und die eines der Kernprobleme des Außenhandels der Bundesrepublik klarlegen. Der Außenhandel mit den der Europäischen Zahlungsunion (EZU) angeschlossenen Ländern brachte 1951 einen Ausfuhrüberschuß von 1,755 Mrd. DM. Der Außenhandel mit der Gruppe der übrigen Verrechnungsländer war in Ein- und Ausfuhr annähernd ausgeglichen. Der nicht durch Zahlungsabkommen gedeckte Raum, mit dem der Warenverkehr in frei konvertierbarer Währung – also in US-Dollar – abgewickelt wird, weist dagegen einen Einfuhrüberschuß von 2,082 Mrd. DM und nach Abzug der Marshall-Plan-Mittel noch einen solchen von 283 Mill DM auf. Ein echter Ausgleich der Zahlungsbilanz ist aber erst dann erreicht, wenn es der Handelsbilanz gelingt, die Warenbilanz in den drei Währungsteilen auszugleichen.

Das schwerwiegendste handelspolitische Ereignis des Jahres 1951 war die deutsche Zahlungsbilanzkrise in der EZU; der Warenverkehr mit diesem Raum umfaßt rund zwei Drittel unseres gesamten Außenhandels. Die zur Überwindung dieser Schwierigkeiten getroffenen Abmachungen stellen ein bemerkenswertes Zeugnis für die Bereitschaft zu europäischer Zusammenarbeit dar, da die Partnerländer trotz vorübergehender Einschränkung unserer Einfuhren dem deutschen Export keine generellen Hindernisse in den Weg legten. Die deutsche Situation innerhalb der EZU besserte sich daher bis zum Jahresende so weit daß die Bundesrepublik Anfang 1952 die Liberalisierung wiederaufnehmen und inzwischen auf 75 v. H. bringen konnte. Neben der Überwindung der Schwierigkeiten in der EZU lag das Schwergewicht der Handelspolitik im Ausbau des Vertragsnetzes, daß uns jetzt mit 43 Ländern verbindet. Dabei wurde besonderes Gewicht auf die Weiterentwicklung der Waren- und Zahlungsabkommen zu umfassenden Handelsverträgen gelegt. In zahlreichen Verträgen konnten bereits Fragen des Niederlassungsrechts, der gewerblichen Schutzrechte, der Meistbegünstigung und des Verkehrs, insbesondere der Schiffahrt, geregelt werden.

Der Beitritt zum Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) am 1. Oktober 1951, verbunden mit der Inkraftsetzung der mit 21 Ländern getroffenen Zolltarifabreden und dem Genuß der Meistbegünstigung hinsichtlich der Zölle bei den 34 Teilnehmerländern, dürfte gleichfalls dazu beitragen, noch bestehende Hemmnisse zu beseitigen.

Dieser im ganzen erfreuliche Rückblick auf ein erfolgreiches Jahr soll nicht über die Schwierigkeiten hinwegtäuschen, denen die deutsche Handelspolitik in Zukunft gegenübersteht. Will man die Möglichkeit einer künftigen Entwicklung ablägen, so muß man in erster Linie auf die neu entstehenden Belastungen hinweisen. Der Verteidigungsbeitrag, die Wiederaufnahme des Schuldendienstes, der Beitritt zum Internationalen Währungsfonds, auslaufende Marshall-Plan-Hilfe und Wiederaufnahme der Liberalisierung werden vom Außenhandel die Anspannung aller Kräfte erfordern, um den Ausgleich der Zahlungsbilanz zu erreichen. Die Ergebnisse des ersten Vierteljahres 1952 deuten bereits eine Entwicklung an, die vor übertriebenem Optimismus warnt. Mit einiger Sicherheit kann gesagt werden, daß die – allerdings durch die gegenwärtige Weltwirtschaftslage mitbestimmte – Entwicklung der Einfuhren aus dem EZU-Raum die Wiederaufnahme der Liberalisierung rechtfertigt. Die Ausfuhrentwicklung ist dagegen ungewiß. Wegen der Zahlungsschwierigkeiten Frankreichs und Großbritanniens muß mit einem merklichen Rückgang der Ausfuhren in diese Länder gerechnet werden. Das in den letzten Monaten aufgelaufene Guthaben der Bundesrepublik bei der EZU dürfte jedoch die Kontinuität des Warenverkehrs mit den EZU-Ländern gewährleisten.

Besondere Beachtung verdient der Dollar-Raum. Hier muß die Bundesrepublik z. Z. etwa ein Viertel ihres Einfuhrbedarfs decken, während sich der Ausweitung der deutschen Ausfuhr dorthin besondere Schwierigkeiten entgegenstellen. Die Waren, die im Dollar-Raum unbeschränkt absatzfähig wären, sind infolge fehlender Kapazitäten nicht verfügbar, während die Waren, für die noch eine Kapazitätsreserve vorhanden wäre, kaum zu verkaufen sind. Das gegenüber diesem Raum seit Kriegsende bestehende Zahlungsdefizit wurde bislang in der Hauptsache durch Marshall-Plan-Mittel ausgeglichen. Nach deren Auslaufen ist die Bundesrepublik gezwungen, diese Einfuhren aus eigenen Mitteln zu decken, denn eine Verlagerung in andere Bezugsräume wird nur in sehr beschränktem Umfange möglich sein.

Diese Entwicklung zwingt dazu, die Ausfuhr weiter zu steigern. Es ist anzunehmen, daß sich die zukünftigen Bezugswünsche unserer Abnehmerländer zu Lasten der Konsumwaren mehr auf Investitionsgüter richten. Eine derartige Tendenz aber rückt das Problem der Finanzierung langfristiger Ausführprojekte noch mehr als bisher in den Vordergrund. Darum wird die Gründung der Ausfuhrkredit A.G., deren Kreditfazilitäten nach Möglichkeit ausgedehnt werden sollten, besonders begrüßt, da sie die Tätigkeit der deutschen Exportwirtschaft auf den neu. zu entwickelnden Märkten in Übersee aktivieren wird. Von dem am 1. April wirksam gewordenen Einfuhranrecht wird erwartet, daß es dem-Außenhandel mit den Dollarländern neuen Auftrieb gibt und dazu beiträgt, die Dollarlücke zu schließen. Der Beitritt zum Internationalen Währungsfonds und die wahrscheinliche Wiederaufnahme einer Schuldenregelung werden zwar die Zahlungsbilanz der Bundesrepublik belasten, dürften aber gleichzeitig Kreditmöglichkeiten erschließen, die eine Kapazitäts- und Produktionsausweitung ermöglichen und die Exportfähigkeit der Bundesrepublik stärken.