Erzählung von Adolf Nowakowski

Als er den Vorhang berührte, hob eine schmale Hand ihn zur Seite. Ein Lichtkeil lag matt für einen Augenblick vor ihm und schloß sich in der nächsten Sekunde. Es war dunkel. Der junge Mann fühlte Angst. Der blasse Schein einer Taschenlampe starrte ihn für einen Augenblick an wie ein Auge, streifte sein Gesicht und seine Hände. „Ihre Karte bitte?“ Dann stand die Lichtscheibe dicht über seinen Händen. Er sah drei Finger, die ihm die Karte nahmen, dann den Umriß eines Schattens, Kopf und Schultern, ein Mädchen. Das Mädchen ging mit ruhigen Schritten vor ihm her, die Taschenlampe zeichnete einen blassen Mond auf den schrägen Weg, schwebte in leicht schwingenden Sprüngen vor ihm her. –

Der furchtsame junge Mann folgte mit vorsichtigen Schritten dem Mädchen. Er sah links des Weges weite Reihen von Köpfen, von Gesichtern mit weitaufgerissenen Augen, und über ihnen einen Strahl, der ein grelles Viereck in die Wand schnitt. Auf der Wand erschienen Buchstaben, die bald verlöschten. Dann traten andere an ihre Stelle.

Das Mädchen blieb stehen. Es erschien ihm lieb, und er freute sich, daß es in seiner Nähe war. Auch der junge Mann blieb stehen. „19. Reihe“, flüsterte das Mädchen, und die leuchtende Scheibe lag für Sekunden über einer der vielen Reihen.

Der junge Mann zögerte. Er mochte nicht sagen, daß er wieder hinausgehen wollte. Er hatte die Karte gekauft, weil er wissen wollte, was ein Kino ist. In seinem Dorf, wo es weder einen Bahnhof noch ein Kino gegeben, hatte er immer nur davon gehört. Nun wollte er es ausprobieren, ganz allein, wie er gestern ganz allein ausprobiert hatte, was eine Berg- und Talbahn ist. Er wußte jetzt, daß eine Berg- und Talbahn etwas durchaus Unangenehmes ist. Vorher hatte er gemeint, daß es etwas Schönes sein müsse, hoch oben in der Luft herauf- und herunterzufahren. Nun war das Kino an der Reihe. Lange war er unschlüssig vor den Plakaten und Bildern in der Vorhalle stehengeblieben, ehe er den Mut fand, an den Vorhang zu gehen. Gestern nachmittag auf dem Rummelplatz war es hell, und es schien ihm nicht schwer, mutig zu sein. Hier aber war es dunkel und Mut eine Last.

Er hörte hinter sich Zischen und leise, erboste Rufe.

„Sie müssen sich setzen“, flüsterte das Fräulein.