In einem Blatt des Vatikans konnte man einen scharfen Artikel gegen die Psychoanalyse lesen — ein Artikel, der beinahe einer offiziellen Weisung gleichkam. Die Lehre Freuds — so heißt es in dieser Stellungnahme — sei "reiner Materialismus in der häßlichsten Form, selbst wenn sie von der Tünche Hgelscher Dialektik gefärbt ist". als eine beschämende Triebhaftigkeit.

Roms Mühlen mahlen ein wenig langsam. Es sollte sich doch wohl auch bis in den Vatikan herumgesprochen haben, daß die Psychoanalyse von heute nicht mehr die Psychoanalyse von 1910 ist. Wenn Freud gelegentlich darauf hingewiesen hat, daß die Flucht in die Religion oft genug nicht einem echten religiösen Bedürfnis, sondern einer wie auch immer gearteten Lebensangst entspringt, so ist damit nichts gegen die Religion selbst gesagt — im Gegenteil. Man lese bei Freud nach, mit welcher Würde er das Phänomen der Religiosität betrachtet — wie das jeder tun wird, der der Psychologie nähertritt.

Daß Freud einer Ärztegeneration angehörte, der es allein um sachliche Forschung ging, um Analyse des Vorhandenen, um Ausschaltung der Spekulation, bedingte eine gewisse Schärfe seiner Diktion. Daß Freud von den sexuellen Verdrängungen ausging, war nicht verwunderlich angesichts der sexuellen Verlogenheit der Zeit um 1900 — es war sachlich richtig. Das Jahrhundert des Vertuschens war vorbei. Wenn man in der Erkenntnis psychischer Erkrankungen weiterkommen wollte, so war es nötig, vielleicht mit übertriebener Deutlichkeit einer vielfach etwas schwülen Plüschwelt von der auch Frefed nicht ganz frei war) die dämonische Gewalt des Sexus vorzuführen. Der Schnitt war unausweichlich, und dieser Schnitt hat, sehen wir nicht daran vorbei, das Gesicht und die Lebensformen unseres Jahrhunderts wesentlich mitbestimmt.

Aber die Psychoanalyse ist ja längst nicht mehr mit der Freudschen Lehre gleichzusetzen. Diesem ersten Wurf sind Thesen und Anschauungen gefolgt, die gerade das religiöse Empfinden als eine der Grundhaltungen der menschlichen Psyche zu erfassen begannen. Dreißig Jahre später hatte man zwar nicht ein Wort von Freud aufgegeben oder vergessen, aber ein Mann wie C. G. Jung hatte es verstanden, gerade auf der Basis psychoanalytischer Erfahrung seine Patienten und Leser näher an das, religiöse Leben heranzuführen. Gewiß nicht an den Katholizismus; er erwies sich als zu spröde und ist, wie man sieht, nur noch spröder geworden. Aber an die indische Philosophie. Der Grund liegt auf der Hand: in Indien war seit Jahrtausenden ein philosophisch psychologisches System ausgebildet worden, das in sehr subtiler Weise genau so Schichten um Schichten der Psyche unterschied und ebenfalls abhob wie die moderne Psychologie und der mächtigen Bedeutung des Unbewußten, der archaischen Komplexe und der Gemeinschaftshandlungen Rechnung trug. Vielleicht dürfen wir daran erinnern, daß der Psychoanalytiker und ursprüngliche Freud Schüler Jung Bücher wie "Das Geheimnis der Goldenen Blüte" herausgegeben hat, und es würde uns lebhaft interessieren zu erfahren, wo in ihnen der Vatikan "reinen Materialismus in häßlichster Form" zu entdecken glaubt. Schließlich ist die heutige Psychoanalyse die legale Fortsetzung und Weiterentwicklung der gesamten allgemeinen Psychologie (etwa der von Wundt) und aus ihr nicht mehr wegzudenken. Kein Arzt, kein Lehrer, ja keine Sozialfürsorgerin kennt die Grundzüge der Freudschen Lehre nicht, gewisse Grundsätze der Freudschen Erkenntnisse sind längst in das Bewußtsein und das Geamtverhalten von uns allen so sehr eingegangen, daß sie sich überhaupt nicht mehr von unserem Handeln trennen lassen. Wir brauchen ja jemanden gar nicht in eine Sprechstunde kommen zu lassen, um ihn psychoanalytisch zu behandeln, und wer weiß, ob wir nicht im Verlauf eines Gespräches in der Bahn "psychoanalytisch behandelt" worden sind und schon eine Todsünde auf uns geladen haben? Ist Frau Eise, die mit was nicht fertig wird, nicht berechtigt, zum Arzt zu gehen, und woran soll sie unterscheiden, ob der Arzt 1 sie nur psychologisch oder ob er sie psychoanalytisch behandelt? Vielleicht haben wir zu erwarten, daß der Vatikan nächstens auch die modernen physikalischen Anschauungen über Atome und Moleküle verwerfen wird. Der Vergleich ist keineswegs absurd. Vielleicht ist auch die moderne Atomtheorie "reinster Materialismus der häßlichsten Form", vielleicht ist auch sie "von der Tünche Hegelscher Dialektik gefärbt". Wenn es denn schon gelungen ist, die Technik uncf das Funktionieren unserer Seelenkräfte (wir drücken uns absichtlich so aus) auf die Wirksamkeit bestimmter Grundprinzipien zurückzuführen (und bekanntlich spielen in diesem Rahmen die sexuellen Triebe lange nicht mehr die entscheidende Rolle, die man ihnen zuerst zuschrieb), so ist damit über die Bausteine unserer Psyche genau soviel und sowenig ausgesagt, wie die Chemie heute über den Aufbau der Materie aussagen kann. Wir wüßten nicht, wieso durch solche beschreibenden Erkenntnisse die Dogmen der Kircheoder die religiösen Empfindungen des einzelnen angetastet wären, Die Psychoanalyse ist so wenig wie die Atomphysik je darauf ausgegangen, das letzte Geheimnis zu zerstören, sondern gerade der Einblick in die vorletzten Geheimnisse hat sowohl den A< omphysiker Planck wie den Psychoanalytiker Jung zu Bekenntnissen geführt, in denen sie den Glaube:- an das Metaphysische mit allem Gewicht ihrer Persönlichkeiten niedergelegt haben. Gewiß: Sinn dr psychoanalytischen Praxis ist schließlich die Beichte. Damit tritt sie mit der Kirche in Idealkonkurrenz. Wenn die seelischen Dinge heute innerhalb der weißen Rasse sehr kompliziert geworden sind, mindestens innerhalb einer gewissen sozialen Schicht und vorwiegend innerhalb der nicht romanischen Länder, so liegt die Ursache zum guten Teil in den komplizierten sozialen und menschlichen Verhältnissen, we sie die letzten beiden Jahrhunderte heraufge ührt haben. Die Hilfe, die der auf geschlossenste Sticht vater seinem Beichtkind zuteil werden kssen kann, genügt heute oft nicht mehr, und Buße und Reue lassen sich nicht mehr mit Gebeten gutmachen. Es ist nicht die Schuld der Beichteaden, wenn die Heilmittel der Kirche nicht mehi anschlagen, und es ist auch nicht die Schuld der Psychoanalyse, wenn sie Methoden anweiden muß, die genauer, persönlicher, inquisitorischer sind.

Die römische Verlautbarung sagt, die Fieudschen Theorien seien nur sehr begrenzt und nur auf "seelisch zurückgebliebene Einzelpersoien"