Norman Mailer: Am Rande der Barbarei. Roman, (übersetzt, von Walter Kahnert. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, Berlin-Grunewald, 341 S., Leinen 12,80 DM.)

Frederick Buechner: Am Rande des Tages. Roman (übersetzt von E. P. Olden und Kurt Heinrich Roman S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 287 S., Leinen 12,80 DM.)

Die beiden neuen amerikanischen Romane, die jetzt in deutscher Sprache vorliegen, sind Werke von Fünfundzwanzigjährigen. Es wäre jedoch völlig unangemessen, hier von „begabtem Nachwuchs“ zu sprechen. Beide Autoren rechnen sich mit Entschiedenheit zur jüngsten Generation und sehen die Welt unter diesem Blickwinkel. Aber sowenig sie sich auf die Darstellung ihrer Altersgenossen beschränken, sowenig haben ihre Romane etwas von Jugendwerken. Dafür sind sie viel zu reif, weise, überlegen und zu sicher im Aufbau und in der Sprache.

Wir sind gewohnt, erzählende Literatur, die aus Amerika kommt, an Hemingway zu messen. Die Faszination durch Europa ist für ihn entscheidend gewesen. Die Amerikaner, die er zeichnet, sind Menschen zwischen den Kontinenten und zwischen den Zeiten. Verglichen mit ihm stehen die beiden Fünfundzwanzigjährigen fest auf dem Boden Amerikas. Der Schauplatz bei Mailer ist ein einziges kleines Mietshaus in einer New Yorker Vorstadt. Buechners Roman spielt in einer großen Hafenstadt der Ostküste und in einer nahegelegenen Universität. Aber dieses Amerika, so genau es beschrieben wird, ist doch nicht der soziale Hintergrund, auf dem sich bei Theodore Dreiser oder Sinclair Lewis persönliche Schicksale abspielten. Es ist eine Chiffre für jedes Land, in dem die Situation des modernen Menschen mit ihren schneidenden Konflikten, ihren tragischen Verflechtungen und ihren dürftigen Hoffnungen fühlbar wird. Mailers „Die Nackten und die Toten“ war ein Kriegsroman, vielleicht der erbarmungsloseste, der einem Autor durch das Erlebnis des totalen Krieges aufgezwungen wurde. Das neue Buch („Barbary Shore“) hat das Thema nur scheinbar gewechselt: es handelt von der Aussichtslosigkeit aller Bestrebungen, den totalen Frieden herbeizuführen.

Der Icherzähler, der die Geschehnisse „am Rande der Barbarei“ aufzeichnet, ist ein Reitender ohne Gepäck. Irgendwo, irgendwann im letzten Krieg hat er durch einen Schock alle Erinnerung an seine Herkunft verloren. Nur ganz sporadisch dämmert ihm hier und da etwas auf, ein Vorfall mit einem Mädchen, ein Gespräch mit Kameraden. In einem Land wie Amerika braucht man keine Vorgeschichte. Michael Lovett, der junge Mann ohne Gedächtnis, sieht keine Schwierigkeit, Schriftsteller zu werden und mit der Abfassung eines Romanes zu beginnen. Indessen: aus dem Vorhaben wird nichts, weil Lovett, ahnungslos zunächst und ohne sich einen Reim machen zu können, Zeuge und dann Mithandelnder bei einem ungeheuerlichen kleinen Roman zwischen vier Personen wird. Mit ihm unter dem gleichen Dach wohnen der Ex-Stalinist gleichen und sein Verfolger, der Geheimagent Leroy Hollingsworth. Zwischen diesen beiden spielen sich, ganz ohne technischen Verhörapparat, Szenen ab, wie man sie aus Koestlers „Sonnenfinsternis“ kennt. McLeod kämpft auf völlig verlorenem Posten. Er hat sich von Stalin abgewandt, weil Stalin die Lüge ist; er hat auch die trotzkistischen Splitterparteien verlassen, weil sie sich im revolutionären Kampfe nicht an die Wahrheit halten. Er ist der Idee des revolutionären Sozialismus treu geblieben, dem man nach seiner Überzeugung nur in reiner Wahrhaftigkeit dienen kann. So ist er inmitten des Strudels der Ideologien der einzige aufrechte Sozialist, gänzlich vereinsamt, von der Hoffnungslosigkeit seines trotzdem nicht aufgegebenen Kampfes durchdrungen. Der Agent hat es leicht, ihn zum Geständnis seiner Staatsfeindlichkeit zu bringen, denn McLeod verschmäht es ja grundsätzlich, die Unwahrheit zu sagen. Das hindert ihn aber nicht, starrsinnig zu bleiben, wenn der Agent als Beweis seines endgültigen Bruches mit den Kommunisten die Auslieferung des „kleinen Gegenstandes“ verlangt, den McLeod während einer kurzen Tätigkeit für den Geheimdienst an sich genommen hat und der für die Kommunisten von hohem Wert wäre. So wogt also, quälend und unentschieden, der Kampf hin und her – ein Bild des verbissenen Aneinandervorbeiredens von humanitärem Ideal und brutaler Staatsräson in der westlichen Welt von heute.

Man sieht: Mailer denkt die Koestlerschen Motive weiter, fast bis zum Abgrund der Verzweiflung. Nur ist sein Roman nicht, wie die Bücher Koestlers, die Illustration zu einer These, sondern erhebt sich in die Dimension der großen Dichtung. Seine Menschen tragen nicht ihre Ansichten wie Spruchbänder vor sich her, sie leben mit der Wahrheit oder mit der Unwahrheit, je nachdem ihre Natur und ihr Schicksal es ihnen aufnötigen. Welch bestürzendes Phänomen einer schon zum Instinkt gewordenen Verlogenheit ist McLeods Frau Guinevere, und mit welcher Kunstfertigkeit spinnt sich die Hilfsagentin Lannie in ihre Gewebe romantischer Phantastik ein, um den Ekel vor sich selbst zu überspielen!

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