Nationen vergleichen ihren Humor – V. Die Amerikaner auf dem Lande scherzen anders als die in der Stadt – Komik in Italien

Jean Neuvcelle, der französische Autor, ist enttäuscht, daß er im italienischen Humor nicht so sehr das findet, was den Witz seines eigenen Landes ausmacht: Esprit Um so deutlicher erkennt er, daß die Italiener eine durchaus eigentümliche Art der Komik entwickelt haben, die – so möchten wir hinzufügen – vielleicht eher in Deutschland als in Frankreich geschätzt wird. Nicht umsonst hat schließlich Guareschis Roman „Don Camillo und Peppone“ bei uns denselben großen Erfolg errungen wie in Italien. – Bevor Jean Neuvcelles französische Untersuchung über den italienischen Humor beginnt, schließt der Amerikaner Louis Untermeyer den in der vorigen Ausgabe der „Zeit“ begonnenen Bericht über den amerikanischen Witz, wie er zumal durch die Zeitschrift „The New Yorker“ vertreten wird.

„The New Yorker“ und die Abenteuer der Pioniere

Ein jähzorniges Genie, ein geschworener Feind der Phrase, der Platitüde und des traditionellen Witzes, hat Harold Ross allmählich den Inhalt des geschriebenen und des gezeichneten amerikanischen Humors gewandelt. Unter seiner Führung entwickelten sich die glänzendsten humoristischen Genies unserer Zeit: Thurber, Peter Arno, O’Soglow und so weiter. Ununterbrochen auf der Suche nach Vollendung („Ich will hier nichts als Genies haben“, sagte er) war Ross bald gehaßt und bald angebetet von seinen Mitarbeitern, die er eine Zeichnung oder einen Satz zehnmal neu machen ließ. Als er im letzten Dezember starb, verdiente er mehr als 200 000 DM im Jahr.

Man könnte den ein wenig geschraubten Humor des „New Yorkers“ nicht besser charakterisieren als durch gewisse Zeichnungen von Peter Arno, der es zum Beispiel liebt, ein junges Paar eng umschlungen auf einem Sofa zu zeichnen, wo dann der Mann flüstert: „Hast du in der letzten Zeit ein gutes Buch gelesen?“ Oder einen etwas kurzsichtigen Herrn, der in ein elegantes Nachtlokal kommt, wo großartige Girls sich halbnackt um die Tische drehen, und der den Maître d‘Hotel fragt: „Was ist die Spezialität Ihres Hauses?“ Der manchmal blasierte Humor des „New Yorkers“, der oft auch narrenhaft ist, stellt eine Satire der amerikanischen Sitten und vor allem der öffentlichen Sitten dar. Eine der Säulen des „New Yorkers“, S. J. Perelman, beklagt sich über die Bücher, die Lehren darüber erteilen, wie man die Geschäftspartner beeinflussen, wie man Glück in der Liebe erlangen und wie man schnell Millionär werden kann. Perelman macht sich über alles lustig, vor allem über sich selbst: „Wie immer man S. J. Perelman betrachtet“, so schreibt Perelman selbst in der Einleitung zu seinem Buch, „er verdient jedenfalls ebensoviel Beachtung wie die alten Damen, die im Rollstuhlwagen gefahren werden, wie die Babies, die ohne Begleitung im Flugzeug reisen, und, ganz allgemein gesagt, wie alle, die schwachen Geistes sind. Ohne jedes brauchbare Talent, stets von einem unerbittlichen Schicksal geschlagen, durch einen rückständigen Stil gehandicapt, hat er nichtsdestoweniger eine ganze Reihe von Büchern zu produzieren vermocht, von denen eines immer weniger bemerkenswert als das andere ist und die ein Monument der Eigenliebe, des Dünkels und der Pedanterie sind.“

Im Gegensatz dazu steht ein Humor, der eher zu Rabelais als Molière paßt und der seine Quelle in den ältesten folkloristischen Legenden Amerikas hat –: in den fabelhaften Abenteuern der amerikanischen Pioniere, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Darin spielt der unbesiegbare Davy Crockett, zur Hälfte Pferd- zur Hälfte Krokodil, seine Rolle und der herkulische Dan‘l Boone, den eine Büffelkuh mit ihrer Milch ernährt hat, und Mike Fink, der, als ihn ein Krokodil angriff, das Tier tötete, indem er ihm seinen Arm in die Gurgel stieß. Diese legendären Helden, geboren von der Phantasie der Pioniere, leben auch heute noch im Witz der Amerikaner, die sich immer noch gern von den Abenteuern eines Trappers unterhalten lassen, der in einem Camp im Fernen Westen ankommt, wo er alle Bewohner von den Indianern massakriert vorfindet, mit Ausnahme eines einzigen, der einen Pfeil in der Brust stecken hat, aber noch atmet. „Ist das in der vergangenen Nacht passiert oder heute morgen?“ fragt der Trapper den Überlebenden. – „Vor 14 Tagen“, antwortet der arme Mensch. – „Da leben Sie noch“, ruft der Trapper aus. „Und der Pfeil, der in Ihrer Brust steckt, geniert Sie nicht?“ – Da schüttelt der Mann den Kopf und sagt: „Nein, nur wenn ich lache.“

Diese Mischung von Absurdität, Stoizismus und Phantasterei ist der Typus dessen, was der amerikanische Pionier selbst als komisch ansah. Und wenn auch die Pionierzeit lange dahin ist, so hat sich ihr Humor doch in den Bildstreifen verewigt, die man Comics nennt und die das Vergnügen von Dutzenden Millionen Amerikanern sind, ohne meist irgend etwas Komisches an sich zu haben, die aber die Abenteuer der heldischen Vorfahren modernisieren und die archaischen Fabeln „atomisieren“. „Superman“, „Flash Gordon“, „Captain Marvel“, „Human Torch“, „Buck Rogers“ und ein Dutzend anderen Giganten, Zyklopen, Goliaths, die der Gesetze der Schwerkraft, der Zeit und der Wahrscheinlichkeit spotten, haben die Stelle der Crockett und Boone übernommen, vollbringen täglich ihre übermenschlichen Taten in der Domäne der Schallgeschwindigkeit, der Atomspaltung und des Todes.