In den Vereinigten Staaten gilt Nelson Rockefeller, der während des zweiten Weltkrieges die Interessen der Länder beider Amerika koordinierte, als der beste Kenner Lateinamerikas. Er ist heute Präsident der „Amerikanischen Internationalen Vereinigung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung“ und steht in enger Verbindung mit allen süd- und mittelamerikanischen Ländern. Nun hat Mr. Rockefeller in New York eine alarmierende Rede gehalten, in der er der Regierung „in Washington vorwarf, sie habe die grundlegenden internationalen Bindungen zu den Regierungen und Völkern Lateinamerikas vernachlässigt. „Heute sind Uneinigkeit und Unruhe“, so sagte er, „in vielen Teilen Lateinamerikas verbreiteter und ernster, als in den Vereinigten Staaten angenommen wird. Dieser Zustand, der die Stärke der Hemisphäre unterminiert, kann nur durch eine Politik aufrichtiger Unterstützung interamerikanischer Einigkeit und Zusammenarbeit beseitigt werden.“

Diese von Rockefeller verlangte Politik würde eine Revision des Auslandshilfsprogramms der USA für die lateinamerikanischen Staaten erforderlich machen. Von den 39 Milliarden Dollar, die die Vereinigten Staaten nach dem Kriege für die Zwecke der Auslandshilfe ausgegeben haben, ist nur ein sehr, sehr kleiner Teil nach Lateinamerika gegangen. Eine eigentliche Wirtschaftshilfe wurde überhaupt nicht gegeben, Abkommen über militärische Hilfen wurden allerdings mit Ekuador, Peru, Kuba und Brasilien geschlossen. In allen diesen Verträgen verpflichten sich die Vereinigten Staaten zur Lieferung von Waffen und Ausrüstungen gegen die Lieferung von Rohstoffen oder gegen das Versprechen einer aktiven Waffenunterstützung für den Fall einer Verteidigung der Hemisphäre.

Die Behauptung Nelson Rockefellers, daß schwierige interamerikanische Situationen von Washington nicht rechtzeitig erkannt würden, wird allein schon, durch die Tatsache bewiesen, daß das Abkommen über die militärische Hilfe mit Kuba drei Tage vor dem Staatsstreich Batistas unterzeichnet wurde. Die Vereinigten Staaten hätten sich wohl kaum bereitgefunden, dem Manne Waffen zu liefern, der 1933 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war, der dann bis 1944 das Land als Diktator beherrschte und jetzt, nachdem er erkannt hatte, daß er bei den für den 1. Juni festgesetzten Präsidentenwahlen nicht siegen würde, abermals einen erfolgreichen Putsch inszenierte. Dieser Verächter demokratischer Spielregeln versteht es nun einmal, die innenpolitischen Strömungen geschickt auszunutzen; er weiß aber auch, daß Washington durch eine scharfe Attacke gegen die Sowjetunion am besten beruhigt werden kann. So brach denn Fulgenico Batista wenige Tage nach seiner Machtergreifung die diplomatischen Beziehungen zu Moskau ab, in der sicheren Erwartung, daß die USA ihm keine Schwierigkeiten machen würden.

Auf dem Wahlterminkalender der lateinamerikanischen Staaten für das Jahr 1952 bleiben immer noch sechs Präsidentenwahlen stehen: in Panama am 11. Mai, in der Dominikanischen Republik am 16. Mai, in Ekuador am 1. Juni, in Mexiko am 6. Juli, in Chile im September und in Venezuela im November. Bei einigen dieser Wahlen sind Überraschungen durch ehrgeizige Politiker und Militärs, wie im Falle Batista in Kuba, nicht ausgeschlossen. Keine dieser möglichen Überraschungen aber wird für Washington so groß und unangenehm sein wie es jener letzte Umsturz in Bolivien war, der völlig aus dem Rahmen der üblichen lateinamerikanischen Revolten herausfiel. Die Triebfeder für den Aufstand in Bolivien war nämlich nicht der persönliche Ehrgeiz eines Politikers oder Militärs, sondern die Auflehnung weiter Kreise des Volkes dagegen, daß der größte Reichtum des Landes, die Zinnproduktion, durch ausländische Einflüsse seit mehr als einem Jahre brach liegt. Man kennt die Gründe dafür –: zwischen der Reconstruction – Finance – Corporation, die von der amerikanischen Regierung mit dem Monopoleinkauf von Zinn beauftragt war, und den drei großen bolivianischen Zinnkonzernen, die sich übrigens in Händen von Ausländern befinden, war ein Preiskampf entbrannt, der seither buchstäblich auf dem Rücken des bolivianischen Volkes ausgetragen wird. Die Reconstruction-Finance-Corporation hatte zur Abwehr gegen angebliche Weltkartellbestrebungen die bolivianischen Zinnpreise so niedrig festgesetzt, daß Bolivien eine Ausfuhr zu diesen Zwangspreisen verbot. Vergeblich haben schon vor Monaten bolivianische Diplomaten in Washington darauf hingewiesen, daß Bolivien dadurch an den Abgrund einer wirtschaftlichen und politischen Krise gedrängt worden sei, bis dann jener Sturm losbrach, der die USA-freundliche Militärdiktatur des Generals Ballivian stürzte und den seit Jahren in der Verbannung lebenden Führer der „National-Revolutionären Partei“, Victor Paz Estenssoro, zum Staatspräsidenten erhob. In dem von Estenssoro ernannten Kabinett hat nun der Führer der Bergarbeitergewerkschaft, Juan Lechin, den Posten des Ministers für Bergwerke und Öl inne. Und Juan Lechin ist heute die treibende Kraft für eine schnelle Nationalisierung der Zinnbergwerke, durch die in erster Linie die drei großen ausländischen Konzerne getroffen werden, die zusammen 72 v. H. der Zinnproduktion Boliviens kontrollieren: die nordamerikanische Patiño Mines and Enterprises Consolidated, Inc., diechilenischen Hochschild-Minen und die Schweizer Compagnie Aramayo de Mines en Bolivie. Kein Zweifel, daß die Regierung Estenssoro ernstlich gewillt ist, die Nationalisierung durchzuführen. Hierin unterscheidet sie sich nicht von der iranischen Regierung des Ministerpräsidenten Mossadegh. Während aber in Iran die treibenden Kräfte der Ölnationalisierung eine Gruppe von Parlamentsmitgliedern und nicht die gut bezahlten und sozial betreuten Arbeiter der Anglo Iranian Oil Company waren, sind es in Bolivien die hungernden und in erbärmlichen Verhältnissen lebenden Bergarbeiter, die nichts zu verlieren haben und nun ihre ganze Hoffnung auf die Nationalisierung der Bergwerke setzen.

Ernst Krüger