Eins scharfe Stellungnahme gegen die Psychoanalyse in einer Zeitschrift des Vatikais, verfaßt von Monsignore Felici, hat in Europa Aufsehen erregt. Denn die Psychoanalyse — nach 1933 vielfach durch Faschismus und Bolschewismus zumSchweigen verurteilt — bat nach dem zweiten Weltkrieg in Europa wieder Boden gewonnen. Und in Amerika sind ja psychoanalytische Kuren heute nichts Außergewöhnliches mehr. Gerade die amerikanische Jugend unterwirft sich solchen Übungen mit bisweilen religiösem Eifer — Dr. Rolf Reißmann, ein Psychologe, der sich mit dem Drehbuch zu dem psychoanalytischen Film "Das v<rlorene Gesicht" vor einer breiten Öffentlichkeit als Kenner legitimierte, hat die Erkläruig ans Rom angegriffen. Wir baten einen katholischen Fachmann, Pater Dr. York Kurz S. J auf Reißmanns Ausführungen zu antworten. Zugleid) verweisen wir auf den Beitrag Friedrich Siebttrgs, Seite 3, Freud betrachte auch das religiöse Empfinden nur anwendbar. Wir hätten gern gewußt, was man in Rom unter "seelisch zurückgebliebenen Personen" versteht, und ob nicht gerade im Sinne einer echten Seelsorge diese "Personen" ein besonderes Anrecht darauf haben, daß man sich um sie kümmert. Vielleicht dürfen wir darauf hinweisen, daß in den Beichtstühlen der Psychoanalytiker vermutlich ebensoviel Menschen den Glauben an das Leben wiedergefunden haben, wie in den Beichtstühlen der Kirche den Glauben an die Kirche.

Wir wissen, daß in den letzten Jahren, besonders an Hand der Pawlowschen Versuche, das Messer des Chirurgen nicht selten mit einer gewissen Unbedenklichkeit in unserer Gehirnmasse herumfährt. Operationen wie die sogenannte Lobotomie kqnnen zwar einen Geisteskranken (oder auch einen Gesunden!) in eine wunderbare Arbeitsmaschine verwandeln, löschen ihn aber als Persönlichkeit aus. Hier vielleicht hätte es der Kirche angestanden, ihre warnende Stimme zu erheben, hier ist das, was die Kirche zu verteidigen hätte, nämlich die Unantastbarkeit der menschlichen sittlichen Freiheit und Entschlußkraft, unter die Räder des "Materialismus" gekommen. Hier wird Gottes Geschöpf unter dem Vorwand, es zu heilen, zerstört .

Deutschland ist nicht die Welt. Aber Freud und Hegel haben deutsch geschrieben. Ist niemand dieser Vertreter und Beobachter YOQ selten der Kurie befragt worden? War es notwendig, gerade bei ernsthaft Gläubigen neue Gewissenskonflikte heraufzubeschwören? mit Recht annehmen, daß ein Klerusblatt das Direktiven für die seelsorgliche Praxis zu geben hat, nicht grundlos die Psychoanalyse als Gefahr für das Seelenheil der Menschen ansieht. Wo also eine akute Gefahr für den Glauben gegeben ist, Ist es Sache des Seelenhirten, diese auch beim Namen zu nennen. Sonst hat er seinen Beruf verfehlt.

Rolf Reißmann demonstriert selber am besten jene gefährliche Begriffsverwirrung, die aus der Seelen Heilkunde eine Seelenheil Kunde machen möchte. Wenn die psychoanalytische Erfahrung den Patienten und Leser nur an das religiöse Leben der indischen Philosophie, nicht aber an den "zu spröden" Katholizismus heranführt, dann hat die Kirche ja geradezu die Pflicht einer Abwehr (Der zum Psychoanalytiker abgestempelte Jung denkt indes gar nicht daran, mehr als religionswissenschaftliche Parallele in Indien zu suchen; er sucht sie genau so in catiolicis!) Die größere Verwirrung, diie der Autor stiftet, kommt aus dem Vergleich von psychoanalytischem Bekenntnis und sakramentaler Beichte. Der Psychoanalytiker nimmt zwar ein Bekenntnis des schuldig gewordenen Menschen entgegen, aber nur der Beichtvater kann in göttlichem Auftrag von der Schuld lossprechen. Wenn in der Analyse Schuld bewußt genmcht wird, so ist das ein guter Dienst, den sie leistet; aber wenn die Schuld von einem doktrinären Analytiker wieder wegdiskutiert wird, so tritt genau das ein, was der Monsignore befürchtet (und was übrigens die daseinsanalytische Richtung in der Psychotherapie heute mehr und mehr ntideckt): die Gefahr der Bildung neuer Neurosen, die noch tiefer liegen als die weganalysierten, weil sie den Personkern im Menschen treffen und krank mächen. Tiefenpsychologie ohne Einbeziehung des Geistes ist heute nicht mehr möglich, und wo in einem Land der orthodoxe Freudismus einseitig den Ton angibt, darf und muß die Kirche sich wehren. Sie wehrt sich übrigens genau so gegen eine gewaltsame operative Persönlichkeitsveränderung des geistig verantwortlichen Menschen. Wir katholischen Seelsorger und Wissenschaftler nehmen die gesamte Psychotherapie sehr ernst und wünschen nichts dringlicher, als sie unseren Seelsorgsmethoden da nutzbar zu machen, wo sie einer verantwortungsbewußten wissenschaftlichen Prüfung standhält. Gott sei Dank mehren sich die Fälle, wo Prieser und Psychotherapeuten sich zur Zusammenarbeit im Interesse gequälter Menschen gefunden haben. Gerade in diesen Tagen wird die Görresgesellschaft eine Zeitschrift zum Thema Psychotherapie und Seelsorge herausbringen. Die Kirche verschließt sich auch durchaus nicht der Aufgabe, ihre jungen Theologen mit dem Guten bekannt zu machen, was an tiefenpsychologischen Erkenntnissen für den Seelsorger unabdingbar geworden ist. Nur eines hat die Kirche nicht nötig: Unfertiges nur deshalb zu übernehmen, weil es modern ist. In ihrer Lehre vom geistlichen Leben hat sie schon zu einer Zeit Psychotherapie getrieben, als es noch nicht einmal eine Allgemeine Psychologie gab. Die Kirchenväter und die HeiHgen waren Meister der Seelenführung bis in die sublimen Höhen der Mystik hinauf, von denen die meisten Analytiker heutzutage wohl nur vom Hörensagen wissen.